Ich bearbeite gerade die Goldtopfkomödie von Plautus und möchte etwas mehr über den Hintergrund des folgenden Teilsatzes in Erfahrung bringen:
[...]ego te dedam discipulam cruci. (V.59. Oxford Ausgabe)
„Ich werde dich dem Kreuze als Schülerin übergeben.“
Da ich davon ausgehe, dass die Kreuzigung als Todesstrafe ausgeführt wurde, verstehe ich nicht ganz, warum die alte Frau/Sklavin dem Kreuz als Schülerin übergeben werden soll.
Ich sehe 2 Möglichkeiten:
1. Das Kreuz als Mittel der Läuterung (sie lernt vom Kreuz), was ich aber eher ausschließen würde.
2. Ihre Kreuzigung als Hinweis für andere (Sklaven etc), was aber im Kontext der Geschichte schwer nachvollziehbar erscheint.
Ich bitte freundlichst um Anregungen und Hinweise.
Es handelt sich ja klarerweise um eine Drohung an die Adresse der alten Sklavin, die im Kontext von Euclio übel beschimpft wird. Das Kreuz (die Kreuzigung) wird sie schon „mores lehren“. Daß man nach dieser Lektion tot ist, bringt ein komisches Element in die Drohung: Komödie.
Eine Drohung an andere Sklaven schließe ich wegen des „continuo hercle ege te dedam discipulam cruci“ aus.
Man sagte im Deutschen ja auch „Hochzeit mit des Seilers Töchterlein halten“,
wenn jemand gehenkt wurde.
Es ist ein Sprachbild: „als Schülerin dem Kreuz übergeben“.
Die Römer haten die Kreuzigung als Todesstrafe von den Puniern übernommen.
Wobei, die „Kreuzigung“, so wie sie in der christlichen Vorstellung existiert,
gab es es relativ später, erst in der Kaiserzeit, resp. seit Pompeius.
Zuvor wurden die Verurteilten wohl einfach nur an den Pfahl gebunden.
Die Punier richteten übrigens auch erfolglose Generäle hin...
Mag sich auch auf die zuvor von Staphyla vorgebrachte Klage beziehen:
Utinam me divi adaxint ad suspendium
potius quidem quam hoc pacto apud te serviam.
Also: Die Götter brauchst du hierzu nicht bitten, ich selbst (beachte das betonte ego) werde dir deinen Wunsch erfüllen. Das Kreuz wird dich dann lehren, was dein Wunsch bedeutet.
Das fragt Staphyla, die Sklavin, auch: Was habe ich denn verbrochen?
Zur Antwort erhält sie Prügel und Drohungen.
Offenbar hatte ihr Herr schlechte Laune.
Daß Frauen tatsächlich gekreuzigt wurden, ist mir nicht in einem belegten Falle bekannt. Möglicherweise ist auch dies schon ein komisches Element.
Im Prinzip war es eine Strafe für Sklaven und andere Nichtbürger, z.B. Juden, wie im Falle Jesu.
Es galt als Warnung und Strafandrohung, falls sie sich auch nur einen Zoll breit von der Stelle entfernen würde, die ihr vom Hausherrn Euclio zugeteilt wurde.
Warum sollten Frauen/Sklavinnen nicht auch gekreuzigt worden sein? (P.S. wie Graeculus meinte, handelt es sich hier um eine Komödie, dh dieses Stück war wohl eher an derbe Soldaten gerichtet als an die patrizische Oberschicht)
doch, doch, Sklavinnen wurden auch „gekreuzigt“.
Aber, wie ich schon schrieb,
die ursprüngliche „Kreuzigung“ war ein Anbinden an einen Pfahl,
ohne Querbalken, der kam erst später dazu.
Ansonsten wurden Sklavinnen, wenn sie sich ein besonders
schweres Vergehen zu Schulden haben kommen lassen,
zu Tode gepeitscht.
(Auch das haben die Römer aus dem Osten übernommen.)
Nicht alles war lux, was ex oriente kam...
@ Graeculus
Nun verheddern sich die Gesprächsstränge ein wenig. :-) Ich hatte auf sekers Frage geantwortet.
Was Staphyla „verbrochen“ hatte, erfährt der Zuschauer in der Folge:
nimisque ego hanc metuo male,
ne mi ex insidiis verba imprudenti duit
neu persentiscat aurum ubi est absconditum,
quae in occipitio quoque habet oculos pessima.
Die Kreuzigung Jesu - wenn sie denn wie in den kanonischen Evangelien beschrieben stattgefunden hat, vermutlich nicht an dem dann zum Symbol gewordenen Kreuz - war in der damaligen Zeit ja keine Sonderfall. Pilatus soll ja wegen zu häufiger Anwendung ohne ausreichende rechtliche Grundlage abgelöst worden sein.
Die Erhebung in den Status als vergleichlichen Ereignisses verdankt sie einmal dem Ressentiment der Juden gegen diese Hinrichtungsart, dann aber auch der auf dieses Ziel hin orientierten Abschaffung/dem Verbot dieser Tötungsart durch Konstantin
Einen direkten Beleg gibt es meines Wissens nicht.
Crassus ließ aber 5.000 Sklaven,
nach dem Aufstand des Spartacus',
darunter ja auch Frauen und Kinder,
entlang der via Appia, kreuzigen.
Da rennst Du jetzt offene Türen ein, arbiter*). Natürlich war an der Hinrichtung Jesu - wenn sie denn ... - nichts Unvergleichliches. Mich interessiert derzeit eher, ob die Kreuzigung für Frauen belegt ist.
_____
*) jedenfalls bei mir
mi Graecule,
bedenke, daß sich wohl niemand die Mühe gemacht hat,
die Hinrichtung einer Sklavin genau zu dokumentieren.
Wenn, dann in einem Nebensatz in der Art, daß erwähnt wurde,
sie erhielt ihre Strafe...
Eigentlich wissen wir nur von einem Sklaven, resp.
einem als Gladiator gehaltenen Skalven, genau,
wie er zu Tode gekommen ist, eben von dem
erwähnten Spartacus, der im Kampf heldenhaft
gefallen ist.
(Abgesehen mal von den unzähligen Gladiatoren,
die in der Arena zu Tode kamen.)
Wenn es in vorklassischer Zeit als Tabu gegolten hätte, hätte doch Plautus wohl kaum diese Stelle so dargestellt.
Oder kann man aus einer Komödie solche Schlüsse nicht schließen?
An Bibulus:
Dann kann man es auch nicht als gesichert behaupten.
Zu Spartacus:
Die Kreuzigung der Überlebenden des Aufstandes durch Crassus wird nur von Appian berichtet, nicht von Plutarch (beide zeitlich weit vom Schuß), erst recht nicht in den halbwegs zeitgenössischen Quellen. Möglicherweise handelt es sich dabei um einen Mythos.
Das kann man m.E. in der Tat nicht, gerade wenn man bedenkt, wie eine Komödie funktioniert, damit sie komisch wirkt. Sie muß auf etwas real Existentes anspielen (die Kreuzigung ...), aber sie muß es beileibe nicht realistisch (... auch für Frauen) darstellen.
mi Graecule,
man hat ja bis heute, bis auf ein Fersenbein,
das offensichtlich mit einem Nagel durchbohrt wurde,
überhaupt noch keine archäologisch und
wissenschaftlich gesicherte und klare Beweise
für eine „klassische“ Kreuzigung gefunden...
Gut, Gekreuzigte waren als Leichname nicht „wichtig“,
man überließ sie einfach dem Lauf der Dinge...
Noch zu Spartacus, an seker:
Es geht nicht um die Zahlen (die sind problematisch genug), sondern die anderen Historiker berichten überhaupt nicht von irgendeiner Kreuzigung, weder durch Crassus noch durch sonst jemanden.
Vielleicht war es auch nur Propaganda, die man verbreitete,
als Abschreckung für die anderen Sklaven.
Zumindest gab es danach in Italien keine größeren Sklavenaufstände mehr.
um 70 v.Chr. war die Zeit der Expansion des Römischen Reiches insoweit abgeschlossen,.
Es kamen keine „neuen“ Skalven mehr in Massen auf die Märkte.
Man mußte also mit denen, die vorhanden waren „haushalten.“
5.000 Sklaven zu töten hieße, auch 5.000 Arbeitskräfte zu vernichten.
Eine unverzeiliche Kapitalvernichtung.
(Aus kaufmännischer Sicht gesehen.)
Sollte man es dann, wenn es als Abschreckung gedacht war, nicht früher - vor Appian - in den Quellen vermuten? Zu dessen Zeiten war der Spartacus-Aufstand ja ein Ereignis von anno dunnemal.
Nun, zu Ciceros Zeit - auch Cicero berichtet nichts von irgendeiner Kreuzigung - hätte ihn wohl das Gedächtnis seiner Zeitgenossen als Lügner überführen können.
Ich habe mir die Appian-Version immer so erklärt, daß er Stanley Kubrick damit eine Vorlage für seinen Film geben wollte.
Re: AVLVLARIA
Lateinhelfer am 24.3.13 um 16:25 Uhr (Zitieren) III
Bezüglich der archäologischen Funde besteht natürlich die Problematik des verwendeten Materials bei Kreuzigungen (-Achtung Sarkasmus- außer bei den 1,2 Millionen Splittern des hl. Kreuzes Christi)
Ich werde mich in dieser Hinsicht bei Kommilitonen ein wenig schlau machen. ;-)
Re: AVLVLARIA
Lateinhelfer am 24.3.13 um 16:27 Uhr (Zitieren) II
Hier gehen inzwischen - wie so oft - mehrere Themen durcheinander:
1. Ist eine Kreuzigung für Frauen belegt? - Nein.
2. Ist eine Kreuzigung archäologisch belegt? - Nein.
3. Ist eine Kreuzigung überhaupt belegt? - Literarisch ja (vgl. den Flavius-Jospehus-Hinweis von Lateinhelfer), für Jesus nur durch die kanonischen Evangelien (vgl. Hinweis von arbiter), während Tacitus lediglich von einer Hinrichtung spricht.
4. Ist die Kreuzigung von 6000 Sklaven durch Crassus im Zusammenhang mit dem Spartacus-Aufstand belegt? - Im Grunde: nein, d.h. nur durch Appian, der ca. 200 Jahre später schrieb.
Wenn etwas viel später schriftlich berichtet wird,
bedeutet das ja nicht, daß das Ereignis nicht auch tatsächlich
stattgefunden hatte.
Tacitus berichtet auch erst zwei Generationen
später von der Schlacht im Teutoburger Wald.
Nicht jeder Agierende war ja so schriftstellerisch begabt
oder produktiv wie C.Iulius Caesar...
(oder hatte daran gedacht, seine Taten für die Nachwelt ins rechte Licht zu rücken..)
Andere haben ein klein wenig übertreiben:
Ramses, Schapur, Napoleon...
(nicht mit der Botschaft an die Nachwelt an sich,
sondern durch das Ausmaß derselben..)
Als ich den Film „Spartakus“ sah - schon ziemlich lange her - wurde mir auch zum ersten Mal klar, dass Kreuzigung keine Sonderhinrichtung in der damaligen Zeit war.
Dass es Crassus war, der hinrichten ließ, und dass es um 5.000 Sklaven ging, rundet die Informationen aus dem Film ab.
kannst Du merken, wie einen die eigene Erinnerung täuscht. Falls Du es nicht glaubst, stelle ich das Photo, auf das Du Dich beziehst, noch einmal ein: keinerlei Bücher im Hintergrund.
Nein!!!
Die Filmszene entspringt a) dem völlig singulären und nicht zeitgenössischen Bericht des Appian und b) der Phantasie Stanley Kubricks bzw. des Kirk Douglas, denn daß auch Spartacus bei dieser Gelegenheit gekreuzigt worden sei, berichtet überhaupt kein antiker Historiker - im Gegenteil, sie lassen Spartacus in der Schlacht fallen.
Also m.E. wäre das schwierig umsetzbar, 5000 Sklaven an einer sehr viel benutzten Straße zu Kreuzigen... Stellt euch mal den Geruch und die Ungeziefer vor, wenn die armen Menschen eine Woche lang da rumhängen...
Falls ich zartbesaitete Gemüter erschüttert haben sollte, möchte ich mich entschuldigen.
mi Graecule,
ich habe ein Bild von Dir in Erinnerung,
das Dich vor einer Wand aus Büchern zeigt.
(und dann gab es da noch eins,
das offensichtlich in deiner Küche aufgenommen wurde.
Sowohl Spüle als auch Bücherregale waren zu sehen)
;-)
(So weit kann mich mein Gedächtnis doch nicht im Stich lassen?)
Nein, kein Buch, kein einziges. Das war das erste Bild, das ich im Rahmen unserer damaligen Wie-seht-ihr-eigentlich-aus?-Aktion eingestellt habe.
Es war in der Schule in meinem Büro aufgenommen.
Die Erinnerung verknüpft da in freier Phantasie mehrere Eindrücke.
Später gab es dann ein Bild mit der Küche als Hintergrund, bei dem der Rand eines Bücherregals zu sehen war. Dieses Bild existiert steht noch heute an der im Griechischforum angegebenen Stelle im Netz.
Keines der beiden Photos entspricht Deiner Erinnerung.
Aber so geht es auch mir oft.
Willst Du, daß ich an meinem Verstand zweifle?
weia...
Ich bin so fest überzeugt davon,
daß das eine Bild Dich vor einem Bücherregal zeigte
und ich sogar einige Titel entziffern konnte.
Auf Grund dessen habe ich Dich in einer anderen Diskussion
darauf hinweisen können, daß Du ein bestimmtes Buch,
aus dem während der Diskussion zitiert wurde,
im Regal stehen hast und Du die Zitate überprüfen kannst!
Es gab da noch ein drittes Photo, das ebenfalls noch über das Griechischforum einsehbar ist: eine Bücherwand.
Aber da ich es selber photographiert habe, wäre es schon erstaunlich, wenn ich darauf auch zu sehen wäre.
Ich kann mich aus der Geschichtsschreibung an einen anderen Fall erinnern: Da wurden noch lebende Teilnehmer der Schlacht von Prochorowka („Unternehmen Zitadelle“, die Panzerschlacht von Kursk) interviewt, und sie sagten einhellig - Sowjets wie Deutsche -, es sei am Tage dieser Schlacht, sonnig, heiß und trocken gewesen.
Die Kriegstagebücher beider Armeen belegten: es war trübe, kühl und regnerisch.
Die Hitze der Schlacht, der tausende brennender Panzer, hatte sich in der Erinnerung mit dem Wetter verbunden. Wohlgemerkt: in der Erinnerung aller.
Psychologen überrascht das nicht. Historiker sollte es vorsichtig machen.