Latein Wörterbuch - Forum
Kühners Akzentlehre: Gilt die Positionslänge über das Versende hinaus? — 127 Aufrufe
Maurus am 9.4.26 um 20:06 Uhr (
Zitieren)
Laut Raphael Kühners „Ausführliche Grammatik der lateinischen Sprache“
hat die lateinische Sprache zwei Akzente, den „Akut (acutus) oder scharfen Hochton (…) und den Circumflex (circumflexus) oder gebrochenen Hochton“ (S. 238).
Liegt der Wortakzent auf der Paenultima, dann handelt es sich bei diesem Akzent um einen Akut, wenn die Ultima von Natur oder durch Position lang ist. Ist die Ultima dagegen kurz und auch nicht durch Position lang, handelt es sich um einen Circumflex (S. 239-240).
Beispiel für den Akut: „Rōmánī“, bzw. genauer: „Rōmàánī“. Das „a“ beginnt als Tiefton und steigt dann an.
Beispiel für den Circumflex: „Rômă“, bzw. „Róòmă“. Das „o“ beginnt als Hochton und fällt dann ab.
Meine Frage: Gilt das auch, wenn das betreffende Wort am Versende steht, aber die Ultima im Hinblick auf die folgende Silbe in der nächsten Zeile positionslang wäre, so wie hier:
Integer vitae scelerisque purus
non eget Mauris iaculis neque arcu
Oder ist letzte Silbe eines Verses niemals positionslang?
Je nachdem müsste es „púrus“ oder „pûrus“ lauten.
Re: Kühners Akzentlehre: Gilt die Positionslänge über das Versende hinaus?
duplex am 10.4.26 um 10:15 Uhr (
Zitieren)
In der klassischen lateinischen Metrik und Prosodie ist die Antwort auf Ihre Frage eindeutig: Die letzte Silbe eines Verses gilt als Syllaba anceps (eine „indifferente“ Silbe). Das bedeutet, dass ihre Quantität (Länge oder Kürze) allein durch das Versmaß bestimmt wird, in dem sie steht, und nicht durch den Anlaut des ersten Wortes im folgenden Vers.
Hier sind die entscheidenden Punkte zur Klärung, ob es púrus oder pûrus heißen muss:
1. Die Unabhängigkeit der Versenden
Eine Positionslänge über die Versgrenze hinweg existiert im Lateinischen grundsätzlich nicht. Die Pause am Ende einer Zeile (der Versschluss) unterbricht den phonetischen Fluss so stark, dass Konsonanten am Anfang der nächsten Zeile die vorangehende Silbe nicht mehr „schließen“ können.
In Ihrem Beispiel aus Horaz’ Carm. 1, 22:
Integer vitae scelerisque purus
non eget Mauris iaculis neque arcu
Das n von „non“ hat keinen Einfluss auf das us von „purus“. Für die Bestimmung des Akzents nach Kühner ist die Silbe -rus also als kurz zu betrachten, da sie von Natur aus kurz ist und keine Positionslänge innerhalb des Verses erfährt.
2. Anwendung der Kühner-Regel
Nach der von Ihnen zitierten Regel Kühners (S. 239–240) ergibt sich daraus folgendes Resultat:
Bedingung: Die Paenultima (pu-) ist von Natur aus lang.
Bedingung: Die Ultima (-rus) ist kurz (da keine Positionslänge über die Versgrenze wirkt).
Folge: Wenn die Paenultima lang und die Ultima kurz ist, liegt ein Circumflex vor.
Demnach wäre nach Kühners Systematik die korrekte Betonung am Versende:
pûrus (bzw. póòrus)
3. Die Ausnahme: Synapheie
Es gibt sehr seltene Ausnahmen, die sogenannte Synapheie. Dabei wird eine Versfolge (z. B. in bestimmten lyrischen Systemen oder bei Seneca) als ein kontinuierlicher Rhythmus ohne Pause behandelt. In solchen Fällen könnte eine Positionslänge theoretisch eintreten. Bei Horaz und im klassischen lyrischen Versmaß (wie dem hier vorliegenden sapphischen Vers) findet die Synapheie jedoch keine Anwendung; jeder Versschluss bleibt eine feste Grenze.
Zusammenfassung
Da die letzte Silbe eines Verses niemals durch den Anlaut des nächsten Verses positionslang wird, bleibt die Ultima in Ihrem Beispiel kurz. Nach der Logik der „Ausführlichen Grammatik“ von Kühner, die den Akzenttyp von der Quantität der Ultima abhängig macht, muss auf dem Wort pûrus am Versende ein Circumflex liegen.
Re: Kühners Akzentlehre: Gilt die Positionslänge über das Versende hinaus?
Maurus am 10.4.26 um 17:55 Uhr (
Zitieren)
Vielen herzlichen Dank, Duplex, für diese ausführliche Antwort!