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crinis, crinitus? coma, comatorius? — 455 Aufrufe
David am 28.8.26 um 15:25 Uhr (
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Salvete!
Wenn ich Zahnbürste in der Lingua Latina basteln will, finde ich peniculus für „Bürstchen“ und finde das auch sinnvoll.
Für Haarbürste, die ja größer ist als das Zahnbürstlein, findet sich:
peniculus comatorius.
Suche ich ein Wort, das für einen größeren Gegenstand steht, dann passt penis nicht, von dem peniculus kommen soll.
Und meine zweite Frage: Warum nimmt man das erklärende Beiwort „das Haupthaar betreffend“ nicht eine Form von crinis?
Habt Ihr Ideen und Literatur zum Nachlesen?
Valete!
Re: crinis, crinitus? coma, comatorius?
1. Warum passt penis morphologisch nicht für einen größeren Gegenstand?
Der Grund liegt in der ursprünglichen, antiken Bedeutung des Wortes penis.
Im klassischen Latein bedeutete penis primär „Schwanz“ oder „Schweif“ (eines Tieres). Erst später entwickelte sich daraus im Sprachgebrauch die verhüllende Metapher für das männliche Glied.
Grundwort (penis): Ein Tierschweif oder ein Büschel Haare/Wolle zum Wischen.
Verkleinerungsform (penicillus / peniculus): Ein kleines Büschel, Schwämmchen, ein Pinsel oder eben ein Bürstchen.
Wenn du also ein lateinisches Wort für eine Bürste suchst, kannst du nicht einfach das Grundwort penis verwenden, da dieses Wort in der lateinischen Sprachgeschichte seine ursprüngliche Bedeutung („Tierschweif“) verloren hat und fast ausschließlich in der anatomischen bzw. obscönen Bedeutung wahrgenommen wird.
Wie das Neulatein das Problem löst:
Das Neulatein (Latinitas Recens) nutzt das Deminutiv peniculus bzw. penicillus als feststehenden Begriff für das Instrument „Bürste“ oder „Pinsel“ unabhängig von dessen tatsächlicher Größe. Eine Unterscheidung zwischen groß und klein trifft man im Lateinischen daher nicht über das Grundwort, sondern über das Adjektiv:
Zahnbürste: peniculus dentarius (wörtlich: Zähne-Bürstchen)
Haarbürste: peniculus comatorius oder peniculus magnus (wenn die Größe betont werden soll)
2. Warum comatorius und nicht eine Ableitung von crinis?
Die Wahl von comatorius anstelle einer Form von crinis liegt am Unterschied zwischen Substantiven und adjektivischen Zweckbestimmungen im Lateinischen.
crinis (Haar / Haupthaar): Bildet als Adjektiv meist crinalis (zum Haar gehörig). Peniculus crinalis wäre gramatikalisch korrekt und bedeutet „Haarbürste“.
coma (Haar / Mähne): Das Wort coma bezieht sich spezifisch auf das volle, gepflegte oder wallende Haupthaar.
comatorius: Dies ist ein Zweck-Adjektiv auf -torius (abgeleitet vom Verb comare = das Haar pflegen / kämmen). Die Endung -torius drückt im Lateinischen sehr präzise aus, dass ein Werkzeug für eine bestimmte Handlung bestimmt ist (wie amatorius = der Liebe dienend, purgatorius = der Reinigung dienend).
Peniculus comatorius bedeutet übersetzt also nicht nur vage „Haarbürste“, sondern präzise „Bürste zum Frisieren/Pflegen des Haupthaars“.
Fazit für dein Wortbildungsprojekt:
Du kannst für „Haarbürste“ sowohl peniculus comatorius als auch peniculus crinalis nutzen. Comatorius klingt in den Ohren von Latinisten eleganter, da es den aktiven Zweck des Frisierens betont.
Re: crinis, crinitus? coma, comatorius?
PS:
Für neulateinische Wortschöpfungen, antike Realien und lateinische Lexikografie bieten folgende Standardwerke und Lexika detaillierte Einblicke:
Neulateinische Lexika (Moderne Begriffsbildung)
Lexicon Recentis Latinitatis (Citta del Vaticano: Libreria Editrice Vaticana)
Herausgegeben von der Latina-Stiftung Latinitas im Vatikan. Das maßgebliche Nachschlagewerk für moderne Begriffe im Lateinischen.
Vischer, Rüdiger: Bibliotheca Latinitatis Novae: Neues Latein-Lexikon (Klett-Cotta)
Bietet moderne Übersetzungsvorschläge auf der Grundlage klassischer Wortbildungsmuster.
Helfer, Christian: Lexicon Auxiliarum (Societas Latina, Saarbrücken)
Umfangreiches Deutsch-Lateinisches Taschenwörterbuch für den modernen Sprachgebrauch.
Etymologie & Klassisches Latein
Walde, Alois & Hofmann, Johann B.: Lateinisches Etymologisches Wörterbuch (Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg)
Zeigt die historische Entwicklung von penis (urspr. Schweif/Tierschweif) zu den Verkleinerungsformen penicillus / peniculus.
Georges, Karl Ernst: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch
Der Klassiker für die Wortbedeutungen von coma, crinis, penicillus und deren adjektivische Ableitungen auf -torius.
Wortbildung & Grammatik
Leumann, Manu: Lateinische Laut- und Formenlehre (C.H. Beck, München)
Erklärt die Bildungsregeln lateinischer Adjektive auf -torius (Zweck- und Werkzeugbezeichnungen) sowie Deminutive auf -culus/-cellus.
Re: crinis, crinitus? coma, comatorius?
David am 28.8.26 um 19:54 Uhr (
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Gratias tibi!
>>Das Neulatein (Latinitas Recens) nutzt das Deminutiv peniculus bzw. penicillus als feststehenden Begriff für das Instrument „Bürste“ oder „Pinsel“ unabhängig von dessen tatsächlicher Größe.
Oh, für mich war das immer ein Bürstlein ... das erklärt einiges.
Da habe ich am Wochenende in der Bibliothek viel zu tun ...
Ich weiß so wenig. das ist erschreckend.
Vale!
Re: crinis, crinitus? coma, comatorius?
David Boehme am 11.9.26 um 18:32 Uhr (
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Salve interum.
Ich denke, das passt hier ganz gut:
Ich war zuerst verwirrt wegen der „Muscheln“, die ich von OVID bereits kannte:
concha auditoria für Kopfhörer
hier ist auditoria dafür verwendet worden, um den Zweck (quasi ZUM HÖREN) zu bezeichnen?
In meiner Synonymik habe ich auch einige Begriffe entdeckt.
Vielen Dank nochmals.
Vale!
Re: crinis, crinitus? coma, comatorius?
concha:
Ursprung: Das Wort geht auf das altgriechische kónchē (kóntchē) bzw. konchýlē zurück, was Muschel, Schale oder Schneckenhaus bedeutet.
Grundwort (kónchē / κόγχη): Geht vermutlich auf eine vor-griechische Ursprache (den sogenannten Pelasgischen Substratwortschatz) zurück. Die typische Lautkombination *-γχ- (-nkh-) ist ein starker sprachlicher Hinweis darauf, dass der Begriff bereits vor der Einwanderung der Indogermanen im Ägäisraum gesprochen wurde.
Verkleinerungsform (konchýlē / κογχύλη): Ist eine erweiterte Ableitung bzw. Diminutivform (Verkleinerungsform) des Ursprungsbegriffs und bezeichnet im Altgriechischen speziell die kleine Muschel oder das kleine Schneckenhaus.
Indogermanischer Vergleich: Es gibt zwar verblüffende Ähnlichkeiten zum Sanskrit-Wort für Muschel (śaṅkhá- / शङ्ख), Sprachforscher gehen jedoch heute meist von einer parallelen Entlehnung aus einer gemeinsamen Mittelmeer-Frühsprache statt von einer direkten indogermanischen Abstammung aus.
Lautliche Entwicklung
Die Entsprechung
κόγχη → concha
ist nicht einfach eine regelmäßige lautgesetzliche Entwicklung innerhalb einer einzigen Sprache, sondern eine lateinische Entlehnung aus dem Griechischen.
Dabei entsprechen:
gr. κ → lat. c
gr. ο → lat. o
gr. γ → lat. n?