Γραικύλος schrieb am 26.12.2025 um 15:15 Uhr (Zitieren)
Unter diesem Titel bespricht die FAZ vom 23. Dezember 2025 das Buch "Der Westen: Eine Erfindung der globalen Welt" von der Althistorikerin Josephine Quinn, Professorin in Cambridge.
Frau Quinn argumentiert mit dem ständigen kulturellen Austausch bereits in der Antike, der Übernahme von Anregungen.
Der Rezensent, Jannis Koltermann, stellt die kritische Frage, ob dabei nicht doch etwas Eigenes herausgekommen sei, das es so in anderen Kulturen als "der westlichen" nicht gebe.
Ein gute Beispiel dafür ist die Philosophie und deren Erfindung in Griechenland.
Ein Gegenstück dazu gibt es in den meisten Kulturen nicht; und selbst wenn man berücksichtigt, daß das Philosophieren an drei Stellen der Welt entstanden ist (China, Indien und Griehenland), so existiert dabei doch m.E. keine Abhängigkeit. Die griechische Philosophie stammt nicht aus Indien und hat auch einen eigenen Charakter.
Diesen hat Nietzsche ganz gut erfaßt, als er schrieb, der erste Philosoph sei Thales gewesen, und zwar weil er gesagt hat: "Alles ist Wasser." Und obwohl das falsch ist, konstituiert es, so Nietzsche, die abendländische (westliche) Philosophie, weil es nämlich einen für sie leitenden Standpunkt impliziert: Alles ist anders, als es zu sein scheint.
Daraus wurde dann die Metaphysik.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
βροχή schrieb am 26.12.2025 um 15:37 Uhr (Zitieren)
Der Versuch, westliche Kultur als nichtexistent zu markieren entspringt der aggressiven Postkolonialideologie.
Nach deren Dogmen dürfen Westler nichts aus anderen Kulturen übernehmen, andernfalls werden sie als kulturelle Aneigner stigmatisiert. Nichtwestler dürfen selbstverständlich alles aus der westlichen Kultur entnehmen, bis zur klassischen Musik.
Diese Ideologie funktioniert nur, wenn der Westler den Spiess nicht umdrehen kann. Ihm wird keine eigene Kultur mehr zugestanden. Zu diesem Zweck wird die westliche Kultur als solche geleugnet.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
Andreas schrieb am 26.12.2025 um 16:15 Uhr (Zitieren)
Γραικύλος schrieb am 26.12.2025 um 16:45 Uhr (Zitieren)
Griehenland --> Griechenland
Meine Aussage bezieht sich auf empirische Befunde. Vgl. z.B.:
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
Γραικύλος schrieb am 29.12.2025 um 17:27 Uhr (Zitieren)
In einem Gespräch habe ich kürzlich einen Eindruck bekommen von einem Unterschied zwischen Orient und Okzident: Wir (Westler) fanden es für eine Frau leichter, alleine (ohne Mann) zu leben als für einen Mann (ohne Frau).
Der anwesende Orientale (Syrer) sah dies genau umgekehrt: eine Frau ohne Mann, ohne den Schutz des Mannes, das sei weitaus schwieriger als ein Mann ohne Frau.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
Γραικύλος schrieb am 29.12.2025 um 17:28 Uhr (Zitieren)
Es kann aber sein, daß man das in der Antike auch in Griechenland eher "orientalisch" gesehen hat.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
βροχή schrieb am 29.12.2025 um 19:26 Uhr (Zitieren)
Warum ist es für die Frau alleine schwerer?
Weil man ihr Steine in den Weg legt.
Warum ist es für den Mann alleine schwerer?
Weil er alltägliche Mühen lieber seiner Frau überlässt.
2 seiten der gleichen Medaille:
die Frau als untergeordnnetes Wesen.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
Bukolos schrieb am 30.12.2025 um 05:34 Uhr (Zitieren)
Die Thesen, die in diesem Thread diskutiert werden (den Westen hat es nie gegeben; westliche Kultur hat nichts Eigenständiges hervorgebracht), weichen nicht unerheblich von der These ab, mit der der Originaltitel von Quinns Werk hervortritt: How the World Made the West. Dieser spricht dem Westen (wo hierbei die Grenzziehungen verlaufen sollen, wäre noch einmal ein eigenes Thema) keineswegs eigene Entdeckungen und Ideen ab, betont aber die Einbindung des Westens bzw. der griechisch-römischen Antike in ein globales Netz kulturellen Austauschs (was freilich keine neue Einsicht darstellt, man denke bspw. an Martin L. Wests East Face of Helicon).
Der eingangs erwähnte Thales wäre übrigens ein gutes Beispiel hierfür. Bei Quinn heißt es:
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
Bukolos schrieb am 30.12.2025 um 05:35 Uhr (Zitieren)
Die Thesen, die in diesem Thread diskutiert werden (den Westen hat es nie gegeben; westliche Kultur hat nichts Eigenständiges hervorgebracht), weichen nicht unerheblich von der These ab, mit der der Originaltitel von Quinns Werk hervortritt: How the World Made the West. Dieser spricht dem Westen (wo hierbei die Grenzziehungen verlaufen sollen, wäre noch einmal ein eigenes Thema) keineswegs eigene Entdeckungen und Ideen ab, betont aber die Einbindung des Westens bzw. der griechisch-römischen Antike in ein globales Netz kulturellen Austauschs (was freilich keine neue Einsicht darstellt, man denke bspw. an Martin L. Wests East Face of Helicon).
Der eingangs erwähnte Thales wäre übrigens ein gutes Beispiel hierfür. Bei Quinn heißt es:
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
βροχή schrieb am 30.12.2025 um 06:57 Uhr (Zitieren)
Im Sinne von alles hängt mit allem zusammen.
Dieser Austausch bringt auch wieder eigenes hervor, auf beiden Seiten. Das sollte man nicht verteufeln, im Gegenteil.
Die Ideologie des Aneignungsverbots nervt mich ungemein.
Bsp. Wenn auf Hiddensee ein Indianerfest stattfindet, wollen die wokis (so nenne ich die mal salopp) es verbieten. Echte Indianer wurden um ihre Meinung gefragt, vom Bürgermeister, sie waren überrascht von der Idee, und dass man sie so weit weg fragt, sie hatten keine Einwände.
Was sagt die google ki dazu, die drängt sich ja als grosse Schwester ungefragt auf
What???
Seit wann gibt es auf Rügen indianische Ureinwohner?
Da schlägt die ideologische Verblendung voll durch. Palmface.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
Bukolos schrieb am 30.12.2025 um 07:45 Uhr (Zitieren)
Deine Sorge um die Glanzleistungen deutschen Kulturschaffens in allen Ehren, aber der Bezug zum Thema des Threads erscheint mir doch etwas gesucht.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
βροχή schrieb am 30.12.2025 um 08:44 Uhr (Zitieren)
Das war doch nur ein illustrierendes Bsp.
aus Dtl., weil es hier bekannt ist. In anderen westl. Ländern ist das auch so. Es geht um westl. Kultur, ob es die gibt, und zu welchem Zweck deren Nichtexistenz propagiert wird.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 30.12.2025 um 09:30 Uhr (Zitieren)
Ohne das Buch und die Beweisführung zu kennen, würde ich mich doch trauen zu sagen: steile These.
Was sagt Quinn denn zum Gegensatz Rom-Byzanz (und den Folgen), was zum Beitrag der Aufklärung, die es so in keiner anderen Weltgegend gegeben hat, zur Herausbildung dessen, was landläufig als ‚westlich‘ bezeichnet wird?
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
βροχή schrieb am 30.12.2025 um 09:59 Uhr (Zitieren)
(ich kenne es auch nicht.
Meine Beiträge beziehen sich auf die Titel- Frage und den Threadbeitrag im Zusammengang mit der zeitgeistig nach Dominanz strebenden Verneinung der Existenz der westl. Kultur)
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
βροχή schrieb am 30.12.2025 um 11:04 Uhr (Zitieren)
Ein weiteres Bsp. ist Gospel.
Europaeische weisse und gemischte Gospelchöre werden der kulturellen Aneignung bezichtigt, sie bekommen heftige Vorwürfe, weil sie keine Afroamerikaner sind. Kurios dabei, die Vorwürfe werden auch von schwarzen Afrikanern erhoben, die ja selber keine Afroamerikaner sind.
Das einfache Gegenargument, ihr spielt doch alle westliche klassische Musik, kann nur ausgehebelt werden, wenn man westliche Kultur negiert.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 30.12.2025 um 11:45 Uhr (Zitieren)
Auf diese Strömung hatte ich gar nicht eingehen wollen, βροχή, sondern nur nach einer etwas genaueren Vorstellung der These(n) und Argumente des Quinschen Buchs.
Daß es zu allen Zeiten Übernahmen aus allen möglichen Kulturkreisen gekommen ist, liegt, möchte ich sagen, (fast) in der Natur der Sache (und des Menschen). Die Frage aber ist doch: was hat die rezipierende Kultur daraus gemacht, abgeleitet, entwickelt, gar dezidierte Gegenpositionen dazu eingenommen, und da gibt es sicherlich soviele Unterschiede wie Kontakte.
Diese „Aneignung“sdebatte ist schlicht lächerlich, zumal im Bereich Kunst, Musik, Literatur et al. Dürfen nur noch Spanier aus Don Qixote öffentlich vorlesen, hätte Gershwin nur Klavier spielen dürfen, aber um Himmels willen und überhaupt nicht, bäääh! irgendwelche Jazzklänge, rhythmen aufnehmen und amalgamieren ?!? Dürfen dann nur noch afroamerikanische Pianisten die Rhapsody in Blue spielen? nur Exilrussen Strawinskys Sacre?
Satiren non scribete …
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 30.12.2025 um 11:47 Uhr (Zitieren)
nur nach einer etwas genaueren Vorstellung der These(n) und Argumente des Quinschen Buchs
fragen wollen
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 30.12.2025 um 11:53 Uhr (Zitieren)
Sch…auto“korrektur *grrrrrrr*
Satiram nom scribere
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 30.12.2025 um 11:55 Uhr (Zitieren)
Sch…auto“verdient den Namen nicht“
non non non !!!!!!!!
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
βροχή schrieb am 30.12.2025 um 12:05 Uhr (Zitieren)
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
βροχή schrieb am 30.12.2025 um 12:10 Uhr (Zitieren)
@στρουθίον οἰκιακόν
... dann könnte dir. das Fundstück vom Perlentaucher bzgl. lebensechter Statuen entgegenkommen.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 30.12.2025 um 12:55 Uhr (Zitieren)
Allerdings - vielen Dank, βροχή!
Um nur ein weiteres kleines Beispiel zu bemühen: Was ist im „Westen“ nicht alles aus dem mittelalterlichen Kontakt mit byzantinischer, geistlicher Vokalmusik entstanden? Gregorianik, frühe Mehrstimmigkeit (ars nova), Renaissance, Barock, … vermutlich hat die Altorientalistin noch nicht viel davon gehört.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 30.12.2025 um 12:58 Uhr (Zitieren)
Jedenfalls reicht mir diese Rezension, um meine kostbare Lesezeit nicht an das Qinnsche Opus zu wenden.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
βροχή schrieb am 30.12.2025 um 13:03 Uhr (Zitieren)
Unabhängig von dem Buch sind diese Beispiele schön.
Ich finde es gar nicht sooo wichtig, dass man sie als westlich betont, es war für mich (uns Westler) einfach unsere Kultur. Wichtig wird die Eigenschaft westlich doch nur, weil sie bestritten wird.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
Bukolos schrieb am 30.12.2025 um 14:38 Uhr (Zitieren)
Wie gesagt, Quinn will weder Indianerfeste verbieten noch Errungenschaften des Westens wie die Aufklärung negieren. Die ganze Aufregung geht auf eine ihr mit dem Threadtitel untergeschobene These zurück.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
βροχή schrieb am 30.12.2025 um 14:53 Uhr (Zitieren)
In den Titeln stecken 2 ziemlich schräge polemische Sachen, die danach rufen bezweifelt zu werden:
"hat es den Westen nie gegeben?"
Moment, es gibt ihn noch!
"Der Westen: Eine Erfindung der globalen Welt"
Die Welt als Erfinderin, die ganze Welt wird personifiziert. Erfinder sind individuelle Personen.
Wenn schon eine metaphorische Person die den Westen erfand, dann war er es selbst.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
Γραικύλος schrieb am 30.12.2025 um 16:10 Uhr (Zitieren)
Da ich das Buch nicht kenne, bin ich ganz auf die Rezension in der FAZ angewiesen, von der ich auch den Titel übernommen habe.
Es ist sicher klar, daß die westliche Kultur in Verbindung und im Austausch mit Mesopotamien, Ägypten, Phönizien usw. entstanden ist.
Auf der anderen Seite hat sie Elemente entwickelt, die es so nicht in den genannten Nachbarkulturen gab und die ihr einen eigenen Charakter verleihen; da möchte ich vor allem Philosophie und Theater nennen.
Es gab und gibt also eine westliche Kultur - allerdings keine isolierte.
Sollte dies mit dem Standpunkt der Buches übereinstimmen - um so besser; aus der Rezension ging das nicht so hervor.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
βροχή schrieb am 30.12.2025 um 16:28 Uhr (Zitieren)
100% isoliert ist keine Kultur, am ehesten isoliert sind Kulturen in abgelegenen Gegenden, zb. Täler, Inseln...
.. ein Doppelkntinent mit Seefahrern bestückt, Eurasien ist wenig isoliert. Es ist logisch, dass es zu Inspirationen kommt. Diesen nachzuspüren kann ein schönes puzzel sein.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
Bukolos schrieb am 31.12.2025 um 07:11 Uhr (Zitieren)
Offenbar hat der Rezensent den deutschen Titel des Buches zuspitzen wollen, dabei aber den Begriff Erfindung im Sinne von fictio missverstanden statt ihn, wie er mit Blick auf den Originaltitel (How the World Made the West) gemeint sein muss, im Sinne von inventio aufzufassen.
Fraglos gehört es zur journalistischen Raison d'être, der Erregungsgesellschaft Impulse zu liefern, und am leichtesten geschieht das, indem man den Menschen mitteilt, ihnen solle etwas weggenommen werden. Quinns Ansatz läuft in die gegenteilige Richtung, wenn sie schreibt, "that a narrative focused solely on Greece and Rome impoverishes our view of the past, and impoverishes our understanding of our own world" (a. a. O., S. 1 f.).
Das von dir angeführte Beispiel der Philosophie mit Thales als deren πρῶτος εὑρετής kann das gut veranschaulichen: Nicht Athen, sondern ein international vernetzter Handelsplatz wie Milet ("the terminus of the overland route from Mesopotamia through Anatolia, where merchants ferrying goods overland from the Euphrates and Greek-speaking mercenaries travelling to serve Babylonian kings met traders beating the Anatolian coast between the Mediterranean and the Black Sea", a. a. O., S. 175) ist der Ort, an dem dieses Neue entsteht, und Thales selbst hat der Überlieferung nach phönizische Wurzeln (vgl. Zitat oben 30.12.2025 um 05:35 Uhr).
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
βροχή schrieb am 31.12.2025 um 08:26 Uhr (Zitieren)
Ach so!
Das bedeutet dann eher, wie die Welt den Westen erzeugte. Er wird gar nicht negiert.
Bukolos, du hast wieder mal ein Missverstaendnis aufgedeckt :)
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
βροχή schrieb am 31.12.2025 um 08:32 Uhr (Zitieren)
Diese daemliche redundante Frase "globale Welt" wurde auch nachtraeglich eingefügt, sie stammt gar nicht von Quinn.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
Γραικύλος schrieb am 31.12.2025 um 12:11 Uhr (Zitieren)
Wie ich es jetzt verstehe, liegt die Betonung auf "How the World Made the West".
Wie ist diese Einflußnahme, aus welcher der Westen hervorging, abgelaufen?
Weder kann man eine solche Einflußnahme leugnen (hat das überhaupt schonmal jemand getan?) noch das Spezifische des Westens.
Schon der Titel "How the World Made Western Philosophy" würde nicht funktionieren, und das Theater ist in Athen, nicht in Milet eingeführt worden.
Fast scheint es mir eine Geschmacks-/Stilfrage, ob man stärker das Verbindende oder das Eigene betont. Nur leugnen sollte man weder das eine noch das andere.
Früher hätte man gesagt, das Verhältnis sei dialektisch. Doch dieses Wort ist etwas aus der Mode gekommen.
Re: Hat es den Westen nie gegeben?
Γραικύλος schrieb am 31.12.2025 um 12:19 Uhr (Zitieren)