Persephone schrieb am 22.03.2026 um 00:31 Uhr (Zitieren)
… liest es sehr wahrscheinlich still für sich. Das war in der Antike anders, auch wenn die Behauptung, dass damals ausschließlich laut gelesen wurden, in der Wissenschaft mittlerweile umstritten ist.
Die dennoch wahrscheinl. Dominanz des Lautlesens hatte jedenfalls Effekte, an die man nicht unbedingt zuerst denkt:
(Craig A. Williams: Roman Homosexuality S. 219)
Als Mensch der Gegenwart, für den Lesen ein Akt stiller geistiger Registrierung darstellt, stelle ich es mir merkwürdig vor, in einer Stadt unterwegs zu sein, in der es tausende Graffiti (über 11000 wurden in Pompeji entdeckt) gibt und immer wieder jemand stehenbleibt, um sie laut zu lesen, auch wenn sie ihn nicht gerade direkt beleidigen.
All die Obszönitäten, Schmähungen, Wahlempfehlungen, Lebensweisheiten und poetischen Fetzen waren Teil des akustischen Stadtraums und sie wurden verkörpert. Wer las, lieh dem Text nicht nur seine distanzierte Aufmerksamkeit, sondern sein Organ. Das war vielleicht nicht unbedingt eine unablässige Deklamation, aber doch ein Flüstern, ein soziales Grundrauschen. Die Stadtwände sprachen damals gleichsam durch die Stimmen der Passanten.
Re: Wer das liest …
Quoth schrieb am 22.03.2026 um 08:44 Uhr (Zitieren)
Der plausibelste Grund, laut zu lesen, ist doch der, dass man Menschen bei oder um sich hat, die nicht lesen können und gerne wissen wollen, was da steht. Wie verbreitet war das Lesen- und Schreibenkönnen in Pompeji? Gibt es darüber Schätzwerte?
Re: Wer das liest …
Bukolos schrieb am 22.03.2026 um 09:28 Uhr (Zitieren)
Der locus classicus für die Annahme, in der Antike habe man grundsätzlich laut gelesen, findet sich ja in den Confessiones (6, 3) des Augustinus, wo er das stille Lesen des Ambrosius als etwas Außergewöhnliches darstellt:
Re: Wer das liest …
Patroklos schrieb am 22.03.2026 um 10:40 Uhr (Zitieren)
Ergab nicht das laute Lesen erst den Sinn der kontinuierlichen Schreibform?
Ergabnichtdaslautelesen…
Re: Wer das liest …
βροχή schrieb am 22.03.2026 um 11:15 Uhr (Zitieren)
diesmal tendiere ich zu Quoth.
Damals konnten nicht alle lesen u. schreiben.
Ein schreibkundiger Sklave zb. hatte einen bes. Wert.
Re: Wer das liest …
Γραικύλος schrieb am 22.03.2026 um 12:11 Uhr (Zitieren)
Falls ich es recht verstehe, hat die häufige Ansprache des das Graffito Lesenden ("Wer das liest, ist eine Schwuchtel!") einen noch größeren Effekt, wenn man das lesend laut vorliest und um einen herum andere Passanten stehen.
Im übrigen sehe ich, wie Patroklos, das laute Lesen im Zusammenhang mit der kontinuierlichen Schreibform. Einensolchentextwürdeichnochheuteautomatischlautlesenumihnzuverstehen.
Re: Wer das liest …
Γραικύλος schrieb am 22.03.2026 um 12:13 Uhr (Zitieren)
Das, was Quoth sagt, daß die Lesefähigkeit nicht so weit verbreitet war und deshalb häufiger vorgelesen wurde als heute, erscheint mir ebenfalls richtig.
Re: Wer das liest …
info schrieb am 22.03.2026 um 13:16 Uhr (Zitieren)
Wo hätte sie beim einfachen Volk herkommen sollen?
Wer konnte sich Lehrer und Material leisten?
Bis zu Gutenberg war es noch eine weiter Weg-
Re: Wer das liest …
Bukolos schrieb am 22.03.2026 um 13:41 Uhr (Zitieren)
Quoth behauptet ja zweierlei: 1. Literalität sei nicht allzu verbreitet gewesen. - Dem will ich nicht widersprechen. 2. Lautes Lesen ohne Zuhörer sei unplausibel. - Dem habe ich das Augustinuszitat entgegengehalten.
Re: Wer das liest …
βροχή schrieb am 22.03.2026 um 14:09 Uhr (Zitieren)
Das ist insofern unplausibel, da nur Zuhörer über lautes lesen berichten könnten, oder der Lautleser selber.
Re: Wer das liest …
Γραικύλος schrieb am 22.03.2026 um 14:48 Uhr (Zitieren)
Die Sache "lautes Lesen" war schon einmal Thema hier. Es gab/gibt eine Zusammenstellung von Texten:
Ovidfan schrieb am 22.03.2026 um 15:02 Uhr (Zitieren)
Das würde ich so pauschal nicht sagen
Ich z.B. lese mir gerne ab und zu lateinische Gedichte
(Disticha u.a.) vor und empfinde großen Genuss
und kann dabei entspannen.