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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Wer das liest … (117 Aufrufe)
Persephone schrieb am 22.03.2026 um 00:31 Uhr (Zitieren)
… liest es sehr wahrscheinlich still für sich. Das war in der Antike anders, auch wenn die Behauptung, dass damals ausschließlich laut gelesen wurden, in der Wissenschaft mittlerweile umstritten ist.

Die dennoch wahrscheinl. Dominanz des Lautlesens hatte jedenfalls Effekte, an die man nicht unbedingt zuerst denkt:

Numerous graffiti scratched on Pompeiian walls make reference to both men and women who fellate, sometimes for money but often without financial incentive, and in most of these cases the goal is clearly to denigrate.

One graffito states the obvious: "Sabina, you give head; you don't act nicely!"

A bias against those who perform fellatio plays into at least two graffiti of the type that insults the reader:

amat qui scribet, pedicatur qui leget, qui opscultat prurit, pathicus est qui praeterit. ursi me comedant, et ego verpa(m) qui lego. (CIL 4.2360)

qui lego felo; sugat qui legit. (CIL 4.8230)

He who writes this is in love; he who reads it is fucked; he who listens is horny, he who passes by is a pathicus. May bears eat me, and may I who read this eat dick. I who read this suck dick; may he who reads this suck.

The effect of these insulting graffiti must have been particularly piquant if, as seems to have been the usual practice, a passerby were to read the words aloud.


(Craig A. Williams: Roman Homosexuality S. 219)

Als Mensch der Gegenwart, für den Lesen ein Akt stiller geistiger Registrierung darstellt, stelle ich es mir merkwürdig vor, in einer Stadt unterwegs zu sein, in der es tausende Graffiti (über 11000 wurden in Pompeji entdeckt) gibt und immer wieder jemand stehenbleibt, um sie laut zu lesen, auch wenn sie ihn nicht gerade direkt beleidigen.

All die Obszönitäten, Schmähungen, Wahlempfehlungen, Lebensweisheiten und poetischen Fetzen waren Teil des akustischen Stadtraums und sie wurden verkörpert. Wer las, lieh dem Text nicht nur seine distanzierte Aufmerksamkeit, sondern sein Organ. Das war vielleicht nicht unbedingt eine unablässige Deklamation, aber doch ein Flüstern, ein soziales Grundrauschen. Die Stadtwände sprachen damals gleichsam durch die Stimmen der Passanten.
Re: Wer das liest …
Quoth schrieb am 22.03.2026 um 08:44 Uhr (Zitieren)
Zitat von Persephone am 22.3.26, 0:31 Das war in der Antike anders, auch wenn die Behauptung, dass damals ausschließlich laut gelesen wurden, in der Wissenschaft mittlerweile umstritten ist.


Der plausibelste Grund, laut zu lesen, ist doch der, dass man Menschen bei oder um sich hat, die nicht lesen können und gerne wissen wollen, was da steht. Wie verbreitet war das Lesen- und Schreibenkönnen in Pompeji? Gibt es darüber Schätzwerte?
Re: Wer das liest …
Bukolos schrieb am 22.03.2026 um 09:28 Uhr (Zitieren)
Der locus classicus für die Annahme, in der Antike habe man grundsätzlich laut gelesen, findet sich ja in den Confessiones (6, 3) des Augustinus, wo er das stille Lesen des Ambrosius als etwas Außergewöhnliches darstellt:
Die Augenblicke, in denen er allein war, nahm er entweder die notwendige Nahrung zu sich oder erholte sich durch Lesung. Wenn er aber las, dann glitten seine Augen über die Seiten, sein Herz suchte nach dem Verständnis, Stimme und Zunge aber ruhten. Oft wenn wir zugegen waren - jeder durfte bei ihm eintreten, keiner wurde angemeldet -, sahen wir ihn schweigend lesen und nie anders. Wenn wir nun längere Zeit so schweigend dagesessen - denn wer hätte es gewagt, ihm in solcher Stunde der Sammlung lästig zu fallen? -, gingen wir wieder weg; vielleicht wollte er für die kurze Zeitspanne, welche er sich für seine geistige Erholung abgewinnen konnte, müde von der Unruhe fremder Angelegenheiten, sich nicht zu anderem abrufen lassen, vielleicht verhüten, daß er einem eifrigen und genauen Zuhörer weniger klare Stellen dieser Schrift gar erklären oder über schwierigere Fragen entscheiden mußte; hätte er nämlich auch noch seine Ruhepausen dafür opfern wollen, dann wäre er überhaupt nicht zum Lesen gekommen. Aber auch die Rücksicht auf Erhaltung seiner Stimme, die ihm gar leicht heiser wurde, konnte für ihn ein mehr als gerechter Grund sein, stille zu lesen. Jedoch, in welcher Absicht er immer dies tun mochte, sicher war seine Absicht gut.
Re: Wer das liest …
Patroklos schrieb am 22.03.2026 um 10:40 Uhr (Zitieren)
Ergab nicht das laute Lesen erst den Sinn der kontinuierlichen Schreibform?
Ergabnichtdaslautelesen…
Re: Wer das liest …
βροχή schrieb am 22.03.2026 um 11:15 Uhr (Zitieren)
diesmal tendiere ich zu Quoth.
Damals konnten nicht alle lesen u. schreiben.
Ein schreibkundiger Sklave zb. hatte einen bes. Wert.


Re: Wer das liest …
Γραικύλος schrieb am 22.03.2026 um 12:11 Uhr (Zitieren)
Falls ich es recht verstehe, hat die häufige Ansprache des das Graffito Lesenden ("Wer das liest, ist eine Schwuchtel!") einen noch größeren Effekt, wenn man das lesend laut vorliest und um einen herum andere Passanten stehen.

Im übrigen sehe ich, wie Patroklos, das laute Lesen im Zusammenhang mit der kontinuierlichen Schreibform. Einensolchentextwürdeichnochheuteautomatischlautlesenumihnzuverstehen.
Re: Wer das liest …
Γραικύλος schrieb am 22.03.2026 um 12:13 Uhr (Zitieren)
Das, was Quoth sagt, daß die Lesefähigkeit nicht so weit verbreitet war und deshalb häufiger vorgelesen wurde als heute, erscheint mir ebenfalls richtig.
Re: Wer das liest …
info schrieb am 22.03.2026 um 13:16 Uhr (Zitieren)
Wo hätte sie beim einfachen Volk herkommen sollen?
Wer konnte sich Lehrer und Material leisten?

Ursachen der geringen Lesefähigkeit (Antike bis Frühe Neuzeit)

1. Ökonomische Barrieren (Hohe Kosten)
Material: Vor der Einführung des Papiers war Pergament (vorbereitete Tierhaut) extrem teuer. Ein einzelner Codex konnte die Häute einer ganzen Herde erfordern.
Produktion: Jedes Buch war ein handgeschriebenes Unikat (Manuskript). Die Abschrift dauerte Monate, was Bücher zu Luxusgütern machte, die sich nur Institutionen (Kirche) oder der Hochadel leisten konnten.

2. Fehlende Bildungsinfrastruktur
Keine Schulpflicht: Bildung war kein staatliches Gut, sondern privat oder kirchlich organisiert.
Soziale Selektion: Lesenlernen war ein Privileg des Klerus, des Adels und später der gehobenen Kaufmannschaft. Für die bäuerliche Mehrheit war die Arbeitskraft der Kinder auf dem Feld wichtiger als Alphabetisierung.

3. Technische Hürden der Texte (Scriptio Continua)
Schriftbild: Antike und frühe mittelalterliche Texte wurden oft ohne Wortzwischenräume und Satzzeichen geschrieben (Scriptio continua) Kognitiver Aufwand: Das Entziffern solcher Texte war so mühsam, dass man sie laut lesen musste, um durch den Klang die Wortgrenzen zu verstehen. "Stilles Lesen" war bis ins hohe Mittelalter eine seltene Ausnahmeerscheinung.

4. Soziale Funktion des Vorlesens
Kollektive Erfahrung: Da Wissen und Unterhaltung (Epen, Sagen, Bibeln) knapp waren, fungierte der Vorleser als "Medium" für die Gemeinschaft.

Hör-Kultur: Informationen wurden primär akustisch aufgenommen. Texte waren deshalb oft rhythmisch oder gereimt verfasst (z. B. Hexameter bei Homer), um das Behalten und Zuhören zu erleichtern.

Zusammenfassendes Fazit:
Die Lesefähigkeit war eine hochspezialisierte Kulturtechnik, vergleichbar mit heutiger Programmierung. Das Vorlesen war die notwendige soziale Lösung, um teure und schwer zugängliche Informationen einer analphabetischen Mehrheit zugänglich zu machen.

Bis zu Gutenberg war es noch eine weiter Weg-
Re: Wer das liest …
Bukolos schrieb am 22.03.2026 um 13:41 Uhr (Zitieren)
Quoth behauptet ja zweierlei: 1. Literalität sei nicht allzu verbreitet gewesen. - Dem will ich nicht widersprechen. 2. Lautes Lesen ohne Zuhörer sei unplausibel. - Dem habe ich das Augustinuszitat entgegengehalten.
Re: Wer das liest …
βροχή schrieb am 22.03.2026 um 14:09 Uhr (Zitieren)
2. Lautes Lesen ohne Zuhörer sei unplausibel. -


Das ist insofern unplausibel, da nur Zuhörer über lautes lesen berichten könnten, oder der Lautleser selber.


Re: Wer das liest …
Γραικύλος schrieb am 22.03.2026 um 14:48 Uhr (Zitieren)
Die Sache "lautes Lesen" war schon einmal Thema hier. Es gab/gibt eine Zusammenstellung von Texten:

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=6305#1
Re: Wer das liest …
Ovidfan schrieb am 22.03.2026 um 15:02 Uhr (Zitieren)
Lautes Lesen ohne Zuhörer sei unplausibel.

Das würde ich so pauschal nicht sagen
Ich z.B. lese mir gerne ab und zu lateinische Gedichte
(Disticha u.a.) vor und empfinde großen Genuss
und kann dabei entspannen.
Re: Wer das liest …
Quoth schrieb am 22.03.2026 um 19:30 Uhr (Zitieren)
Nur die gelehrtesten Häuser führen hier miteinander
mancherlei tiefes Gespräch, das auch mich Laien erbaut.
Re: Wer das liest …
Quoth schrieb am 22.03.2026 um 22:15 Uhr (Zitieren)
führen hier untereinander
 
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