Γραικύλος schrieb am 28.06.2026 um 10:39 Uhr (Zitieren)
Seneca, De ira III 12, 5 f.:
[L. Annaeus Seneca: Philosophische Schriften. Herausgegeben und übersetzt von Manfred Rosenbach. Erster Band: Philosophische Schriften. Darmstadt 1969, S. 248-251]
(1) Speusippos war ein Schüler Platons.
Da ist natürlich die spartanische Version erheblich lakonischer.
Re: Im Zorn
Patroklos schrieb am 28.06.2026 um 11:06 Uhr (Zitieren)
Bei der Hitze ein nur leicht passender Scherz hierzu, ältlich.
Besuchergruppe in der Hölle. Man sieht Brigitte Bardot; neben ihr ein alter, verschrumpelter Mann.
Oh, ja wenn das so ist, da wäre ich aber sehr gerne …, so ein Besucher.
Der Cicerone: nein, nein, das ist die Höllenpein für die Bardot.
Augustinus hat dazu eine Schrift verfasst:
„De spiritu et littera“ (auf Deutsch meist übersetzt als „Geist und Buchstabe“
oder „Der Geist und der Buchstabe“).
Augustinus verfasste diese theologische Abhandlung im Jahr 412 n. Chr. inmitten der pelagianischen Streitigkeiten. Genau wie Paulus im Korintherbrief setzt er sich darin intensiv mit dem Verhältnis von Gesetz (dem Buchstaben, der ohne Gnade zur Verdammnis führt) und der göttlichen Gnade (dem lebendig machenden Geist) auseinander. Es gilt als eines seiner wichtigsten gnadentheologischen Werke.
Γραικύλος schrieb am 28.06.2026 um 13:58 Uhr (Zitieren)
Ich hoffe, wir sind uns - diesseits von Brigitte Bardot und Augustinus - einig, daß diese beiden Texte den Standpunkt ausdrücken, es gehöre sich nicht, einen Menschen im Zustand des Zorns zu verurteilen - selbst dann nicht, wenn es sich dabei um einen Sklaven oder ein Kind handelt. Und daß darin ein Spartaner, ein Athener und ein Römer übereinstimmen.
Re: Im Zorn
meine Meinung schrieb am 28.06.2026 um 14:54 Uhr (Zitieren)
Wer emotional spontan handelt, macht leicht Fehler, ist ungerecht etc.
Darum sagt man auch:
Schlaf erstmal ein Nacht darüber.
Leider aber ist der Zorn nicht oft so leicht zu beherrschen
und es kommt zu Affekthandungen, die juristisch
anders bewertet.
PS.
B.B. starb Ende 2025 mit 91, nicht im Zorn, soweit ich weiß.
Re: Im Zorn
Patroklos schrieb am 28.06.2026 um 16:02 Uhr (Zitieren)
Wegen ihres Sterbedatums ist deutlich, dass der Scherz fiktiv ist. Ob der erwähnte verschrumpelte Mann Gunter Sachs (gest 2011) sein soll, ist eher unwahrscheinlich.
Re: Im Zorn
Γραικύλος schrieb am 28.06.2026 um 16:12 Uhr (Zitieren)
Die Seneca-Übersetzung von Rosenbach, einst bei der WBG erschienen, ist stark an der lateinischen Grammatik orientiert; so unterscheidet er auch beim lateinischen Original, ganz klassisch, nicht zwischen u und v (inuenire etc.).
Re: Im Zorn
βροχή schrieb am 28.06.2026 um 16:15 Uhr (Zitieren)
hahaha @Patroklos
... die Hölle ist dort, wo die Reichen und Schönen verschrumpeln, fiktiv versteht sich, in echt kann das ja gar nicht passieren
Re: Im Zorn
βροχή schrieb am 28.06.2026 um 16:18 Uhr (Zitieren)
@Graeculus
... an der lateinischen Grammatik orientiert,
heißt das, für die Römer war das Original ungefähr so verschraubt, wie für uns die Übersetzung?
Re: Im Zorn
Γραικύλος schrieb am 28.06.2026 um 16:25 Uhr (Zitieren)
Nein, die lat. Grammatik konstruiert Sätze anders als die deutsche. Wenn man dies in der Übersetzung nachahmt, wirkt es auf uns befremdlich.
Ähnliches sagt man übrigens Immanuel Kant nach: daß er deutsche Sätze gemäß lateinischer Grammatik konstruiert habe.
Re: Im Zorn
Patroklos schrieb am 28.06.2026 um 16:27 Uhr (Zitieren)
Jean-Paul Sartres eigener Lieblingsscherz! In einem Interview erläuterte er, mit „ Die Hölle, das sind die anderen.“ habe er die Perspektive von B.B einnehmen wollen. Und er fügte hinzu, die Formulierung stamme (leider) von Simone de Beauvoir. Bei „leider“ bin ich allerdings nicht sicher, ob das authentisch ist.
Re: Im Zorn
Γραικύλος schrieb am 28.06.2026 um 16:34 Uhr (Zitieren)
Ein Beispiel für Kant ist das berühmte "Ding an sich".
Wie Gerold Prauss ("Kant und das Problem der Dinge an sich", Bonn 1974) gezeigt hat, verwendet Kant diesen Begriff nur sehr selten, in der Regel vielmehr "Ding(e) an sich selbst (betrachtet)"; dies wiederum ist eine deutsche Entsprechung zum lateinischen "res per se considerata" oder "... spectata".
Das Latein, an dem Kant sich orientiert, ist das der Scholastik.
Re: Im Zorn
βροχή schrieb am 28.06.2026 um 16:49 Uhr (Zitieren)
Oje, dann ist das eine Nachahmersache, wie heutiges Denglisch.
Re: Im Zorn
βροχή schrieb am 28.06.2026 um 16:53 Uhr (Zitieren)
Sartre ist mir unsympathisch. Die Geschichte mit Simone war nicht so aufrichtig.
Re: Im Zorn
Patroklos schrieb am 28.06.2026 um 16:54 Uhr (Zitieren)
Darf ich bei/wegen dieser Hitze einen ins Schlüpfrige leicht changierenden Kant/Bach Witz anbringen?
Warum hatte Bach zahlreiche Kinder und Kant keine?
Bach war ein Meister der Fuge, wohingegen Kant nur das Ding an sich betrachtete.
Re: Im Zorn
Γραικύλος schrieb am 28.06.2026 um 17:48 Uhr (Zitieren)
Soweit ich informiert bin, wurde früher an den höheren Schulen Deutsch nicht selten in diesem Stile, also gemäß lateinischer Grammatik, gelehrt.
Und Kant hat - wie viele Wissenschaftler seiner Zeit - selber noch Lateinisch geschrieben.
In einer bestimmten Bildungssphäre wuchs man mit Latein auf.
Das Denglisch heute ist ja eher eine Sache der Umgangssprache.
Re: Im Zorn
meine Meinung schrieb am 28.06.2026 um 17:52 Uhr (Zitieren)
Und das ist z.T. gräßlich.
Wer liest schon gern den Aquinaten im Original?
Aber in vielem hat er Recht.
Der Mensch wird ungefragt ins Dasein geworfen
und muss sich seinen Lebenssinn selber suchen.
Die Existenz geht der Essenz voraus.
Re: Im Zorn
Patroklos schrieb am 28.06.2026 um 19:03 Uhr (Zitieren)
Eine höchst aufschlussreiche Antwort erhielt ich auf die klassische Fragebogen-Frage (Max Frisch)
Möchten Sie Ihre Frau sein?
Es sagte mir KI:
Ich habe kein Geschlecht und bin ein KI-Assistent. Daher kann ich nicht Ihre Frau werden.
Re: Im Zorn
βροχή schrieb am 28.06.2026 um 19:36 Uhr (Zitieren)
das gilt für jedes Lebewesen. irgenwie ist so eine Frage praktisch nicht mgl.
Re: Im Zorn
Patroklos schrieb am 28.06.2026 um 19:38 Uhr (Zitieren)
Als Frage hatte ich obiges Zitat nicht mit Anführungszeichen versehen und lediglich die Quellenangabe erwartet.
Sehr verblüffend (enttäuschend;;))
Re: Im Zorn
βροχή schrieb am 28.06.2026 um 19:39 Uhr (Zitieren)
... wobei schon der Ausdruck "geworfen" vom Tier kommt (Wurf)
Re: Im Zorn
βροχή schrieb am 28.06.2026 um 19:41 Uhr (Zitieren)
@Patroklos
KI denkt nicht, die Maschine rechnet. Sie berechnet aus abermillionen Bsp.texten das wahrscheinlichst nächste Wort.
Re: Im Zorn
Γραικύλος schrieb am 28.06.2026 um 19:47 Uhr (Zitieren)
Braucht Ihr eigentlich noch konkrete Textvorgaben, um Euch anschließend über Brigitte Bardot, Augustinus, Sartre, Sex-Witze und die Geschlechtsneutralität von KI oder worüber auch immer zu unterhalten?
Es wäre für mich weniger aufwendig, wenn ich täglich bloß einen leeren Thread eröffnen und dazu sagen könnte: Nun unterhaltet Euch mal schön!
Re: Im Zorn
Patroklos schrieb am 28.06.2026 um 19:56 Uhr (Zitieren)
Gleichwohl bleibt die Ki-Antwort bedenkenswert.
Re: Im Zorn
βροχή schrieb am 28.06.2026 um 20:06 Uhr (Zitieren)
@Patroklos
du hast doch bis dato KI immer abgelehnt
Re: Im Zorn
Γραικύλος schrieb am 28.06.2026 um 20:42 Uhr (Zitieren)
Dann macht doch einen eigenen Thread dazu auf. Das muß ja nicht unter Plutarch über den Zorn eines Spartaners diskutiert werden.
Re: Im Zorn
Patroklos schrieb am 28.06.2026 um 21:11 Uhr (Zitieren)
Für mich war der emotionale Rollentausch zur Zornreduktion ein guter Ausgangspunkt. Plus hitzebedingter Digression. KI und Selbstrerentialität.
Re: Im Zorn
βροχή schrieb am 28.06.2026 um 21:22 Uhr (Zitieren)
oje, der Zorn färbte ab.
Das Thema hat 2 Aspekte aktiv und passiv,
der Zornige soll nicht urteilen
der Zornige soll nicht verurteilt werden.
Zorn verraucht.
Re: Im Zorn
Patroklos schrieb am 28.06.2026 um 21:54 Uhr (Zitieren)
Scherz am Abend:
Bei Zorn und Hitze fragen Sie keinen Arzt oder Apotheker, sondern fragen Sie nach
βροχή!
Re: Im Zorn
βροχή schrieb am 28.06.2026 um 22:07 Uhr (Zitieren)
... komme wie gerufen, bringe meinen Freund χαλάζι mit..
Re: Im Zorn
Bukolos schrieb am 30.06.2026 um 07:51 Uhr (Zitieren)
Mit Platon als Protagonisten (sowie Archytas) kommt diese Wanderanekdote auch bei Plutarch vor.
Re: Im Zorn
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 30.06.2026 um 08:45 Uhr (Zitieren)
Das Innehalten des Zürnenden hat sich bei uns - in etwas verwässerter Form - im Ratschlag erhalten, man solle innerlich bis zehn zählen, bevor man auf eine Beleidigung o. ä. reagiert.
Re: Im Zorn
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 30.06.2026 um 09:33 Uhr (Zitieren)
Und darin, daß der Zürnende die Bestrafung einem anderen überträgt, könnte man wohl die Vorstufe (oder den Grundgedanken) der Schaffung einer judikativen Instanz/Gewalt in Strafsachen sehen, denke ich.
Re: Im Zorn
Γραικύλος schrieb am 30.06.2026 um 10:56 Uhr (Zitieren)
Ja, zu solchen Überlegungen kommt man dann. Im Grunde ist es nicht gut (gerecht), wenn der Geschädigte selbst straft. Was immer die Vertreter des Faustrechtes dazu sagen.
So, eine Wanderanekdote ist das. Danke für den Hinweis.
Die spartanische Version ist immer noch die lakonischste.
Re: Im Zorn
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 30.06.2026 um 11:09 Uhr (Zitieren)
Eben - audiatur et altera pars
Re: Im Zorn
Bukolos schrieb am 30.06.2026 um 12:27 Uhr (Zitieren)
Einen, wie ich denke, bemerkenswerten Unterschied gibt es schon: Während es bei den üblichen Strategien der Affektkontrolle (bis zehn zählen etc.) darum geht, sich nicht zu Tätlichkeiten hinreißen zu lassen, steht die Gewaltanwendung in der Platon-Anekdote überhaupt nicht infrage. Dem Platon der Seneca-Version (und aus mor. 551ab) scheint sich nur die Frage zu stellen, welcher Seelenteil in den Vollzug der Strafe involviert ist.
Re: Im Zorn
Γραικύλος schrieb am 30.06.2026 um 14:36 Uhr (Zitieren)
Das stimmt. Abgelehnt wird nicht die Gewalt, sondern der Zorn als deren Motiv.
Re: Im Zorn
Bukolos schrieb am 30.06.2026 um 17:43 Uhr (Zitieren)
Es sind tatsächlich wohl zwei ursprünglich getrennt kursierende Anekdoten, die in dem Zusammenhang über Platon erzählt und die von Seneca zusammengeführt werden. Zum einen die von der an Speusipp delegierten Bestrafung, wie in mor. 10d und 1108a, zum andern in mor. 551ab die vom erzürnten Philosophen, der unmittelbar vor Vollzug der Bestrafung des Sklaven innehält, um in der Erstarrung "seinen Zorn abzustrafen" (ὡς αὐτὸς [...] τὸν θυμὸν κολάζων) bzw., in platonischer Terminologie, den ἐπιθυμητικόν genannten Seelenteil. Bei Seneca ist das weniger deutlich formuliert, wenn Platon dort in Bezug auf die Selbstbestrafung nur vom homo iracundus spricht, auf den sich deren Fokus richte.