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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2 (467 Aufrufe)
Γραικίσκος schrieb am 02.09.2019 um 15:07 Uhr (Zitieren)
Dieser Thread soll eine selbständige Fortsetzung des älteren, unübersichtlich gewordenen sein:

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=302#955
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 02.09.2019 um 15:29 Uhr (Zitieren)
Ich mache es so wie du, nämlich nicht so wie du, sondern so, wie ich es will.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 02.09.2019 um 15:30 Uhr (Zitieren)
Wenn wir noch eine Schlacht über die Römer gewinnen, werden wir ganz und gar verloren sein.

[Plutarch: Pyrrhos 21]
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 02.09.2019 um 20:45 Uhr (Zitieren)
Est igitur aliquid humilitatis miro modo quod sursum faciat cor, et est aliquid elationis quod deorsum faciat cor. Hoc quidem quasi contrarium videtur, ut elatio sit deorsum et humilitas sursum. Sed pia humilitas facit subditum superiori; nihil est autem superius Deo, et ideo exaltat humilitas quae facit subditum Deo.

Elatio autem, quae in vitio est, eo ipso respuit subiectionem et cadit ab illo quo non est quicquam superius, et ex hoc erit inferius et fit quod scriptum est: Deiecisti eos cum extollerentur. Non enim ait: Cum elati fuissent, ut prius extollerentur et postea deicerentur; sed cum extollerentur, tunc deiecti sunt. Ipsum quippe extolli iam deici est.

Quapropter quod nunc in civitate Dei et civitati Dei in hoc peregrinanti saeculo maxime commendatur humilitas et in eius rege, qui est Christus, maxime contrariumque huic virtuti elationis vitium in eius adversario, qui est diabolus, maxime dominari sacris litteris edocetur ...


Es gibt also merkwürdigerweise in der Erniedrigung (Demut) etwas, das das Herz erhebt, und in der Erhebung (Überheblichkeit) etwas, das das Herz erniedrigt. Das klingt nun freilich wie ein Widerspruch, dass die Erhebung (Überheblichkeit) nach unten, die Erniedrigung (Demut) nach oben führen soll. Aber fromme Erniedrigung (Demut) macht einem Höheren ergeben, und nichts ist erhabener als Gott; daher erhebt Erniedrigung (Demut), die Gott gegenüber Ergebenheit bewirkt.

Die Erhebung (Überheblichkeit) dagegen, die Tadel verdient, verweigert es von sich aus, unterworfen zu sein, und fällt von dem ab, der nichts Höheres über sich hat, und wird dadurch niedriger sein, und es erfüllt sich, was geschrieben steht: „Du hast sie herabgestürzt, da sie sich erhoben“ (Ps 72, 18). Es heißt nämlich nicht: „Da sie sich erhoben hatten“, als hätten sie sich zuerst erhoben und wären dann herabgestürzt worden, sondern indem sie sich erhoben, wurden sie herabgestürzt. Die Erhebung (die Überheblichkeit) selbst ist eben schon ein Herabgestürztwerden.

Daher ist nun im Gottesstaat und insbesondere dem Gottesstaat auf seiner irdischen Pilgerschaft die Erniedrigung (Demut) zu empfehlen und am allermeisten an ihrem Herrscher zu preisen, der Christus ist, während in der Heiligen Schrift deutlich gelehrt wird, dass das dieser Tugend entgegengesetzte Laster der Erhebung (Überheblichkeit) bei seinem Widersacher, dem Teufel, am deutlichsten ausgeprägt ist ...

Augustinus: De civitate Dei XIV, 13 - Übersetzung in Anlehnung an Alfred Schröders Übertragung.



Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 02.09.2019 um 21:34 Uhr (Zitieren)
Dass die Beschäftigung mit Paradoxien lebensgefährlich sein kann, dokumentiert folgende Kurzbiographie, die sich in der Suda, einem byzantischen Lexikon aus dem zehnten Jahrhundert, unter φ 332 findet:

Φιλήτας, Κῷος, υἱὸς Τηλέφου, ὢν ἐπί τε Φιλίππου καὶ Ἀλεξάνδρου, γραμματικὸς κριτικός· ὃς ἰσχνωθεὶς ἐκ τοῦ ζητεῖν τὸν καλούμενον Ψευδόμενον λόγον ἀπέθανεν. ἐγένετο δὲ καὶ διδάσκαλος τοῦ δευτέρου Πτολεμαίου. ἔγραψεν ἐπιγράμματα, καὶ ἐλεγείας καὶ ἄλλα.

Philetas, von Kos, Sohn des Telephos, lebte sowohl unter Philipp als auch Alexander. Grammatiker und Kritiker. Er starb ausgezehrt in Folge seiner Untersuchung des sogenannten Lügner-Paradoxons (Ψευδόμενον λόγον).
Er wurde auch Lehrer Ptolemaios' II. Er verfasste Epigramme, Elegien u.a.


Zu den Möglichen Quellen dieses Eintrags heißt es in der engl. Wikipedia:

A 2nd century AD Greek author, Athenaeus of Naucratis, wrote that Philitas studied false arguments and erroneous word-usage so intensely that he wasted away and starved to death, and that his epitaph read:

ξεῖνε, Φιλίτας εἰμί· λόγων ὁ ψευδόμενός με
ὥλεσε καὶ νυκτῶν φροντίδες ἑσπέριοι

St. George Stock analyzed the story as saying Philitas studied the Megarian school of philosophy, which cultivated and studied paradoxes such as the liar paradox: if someone says "I am lying", is what he says true or false? Stock wrote that Philitas worried so much over the liar paradox that he died of insomnia, and translated the epitaph as follows:

Philetas of Cos am I,
'Twas the Liar who made me die,
And the bad nights caused thereby.

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 03.09.2019 um 17:49 Uhr (Zitieren)
Wer übersetzt werden kann (ins Französische wenigstens), verdient nicht übersetzt zu werden.

Jean Paul: Ideengewimmel, Eichborn (1996), S. 57.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 03.09.2019 um 18:04 Uhr (Zitieren)
Immer wieder schön, diese Funstücke von Jean Paul. Bald bin ich vom Kauf überzeugt.

Nur ganz am Rande: Der Philetas-Hinweis hat mir gefallen; aber wird er in der Suda nicht Φιλητᾶς geschrieben?
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 03.09.2019 um 18:16 Uhr (Zitieren)
In dieser Kurzbiographie steckt allerdings der Plot eines pikaresken Philosophenromans.
Bei Φιλήτας bin ich der Loeb-Ausgabe Hellenistic Collection: Philitas. Alexander of Aetolia. Hermesianax. Euphorion. Parthenius (LCL 508, S.8) gefolgt.

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 03.09.2019 um 19:00 Uhr (Zitieren)
Stimmt, dort steht es so. Ich hab's in der Suda nachgeschaut. Nicht erheblich.

Den Plot mit Stoff (Handlung) zu füllen, stelle ich mir nicht ganz einfach vor. Ein Ansatz: Man könnte viele Situationen, wie sie in den hier gesammelten Paradoxien vorkommen, zur Grundlage nehmen - etwa ein Gerichtsverfahren in der Art des Euathlos, eine Ehe, in der die Partner einander immer wieder widersprechen, indem sie beahupten, sie widersprächen ja gar nicht usw.
Der gedachte Philetas stößt in seinem Leben, das ihn tragischerweise auch noch zum Philosophen hat werden lassen, immer wieder auf Parxadoxien. Durch sie und durch sein Nachdenken über sie gerät er in eine Krise. Diese erreicht ihren Höhepunkt angesichts eines Plastikstrohhalms (oder eines Barfußschuhs).

_____

A.: "Ich wußte nicht, was ich dir schenken soll. Deshalb bin ich mit der Zeitmaschine bis Weihnachen gereist und habe nachgesehen, was ich dir schenke."
B.: "Socken und ein Paradoxon! Danke."

(Josha Sauer)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 03.09.2019 um 20:06 Uhr (Zitieren)
Ich sehe auch im Übergang von der Entdeckung der Ubiquität des Paradoxen zur existenziellen Krise den erzählerischen Motor. Er müsste einen geradezu grotesken Kampf gegen die verschlingende Kraft führen, die für ihn von diesen Paradoxien ausgeht und alles wortwörtlich aufzufressen droht, am Ende ihn selbst, während alle Welt sonst damit anscheinend kein Problem hat. Das beträfe z.B. also nicht nur die Begrifflichkeiten von Wahrheit und Lüge überhaupt, sondern den sich in diesen Spiegelkabinetten verlierenden endlichen Denker in seiner physischen und geistigen Existenz, der immer weiter abmagert, dessen Blickfeld sich zusehends verengt, unfähig, sich von diesem sich immer weiter verwickelnden gordischen Knoten mit einem Denkakt zu befreien, der die Natur von Alexanders Schwerthieb besitzt. Dann auch das Elend eines Lehrers, der, nachdem ihm substanziell eigentlich nicht mehr zu lehren bleibt, den Lehrer für Ptolemaios spielen muss, der also sozusagen sein eigenes Paradoxon wird. Paradox wäre auch der notorisch unzuverlässige Erzähler anzulegen, von dem man von Seite zu Seite immer weniger zu sagen vermag, ob er lügt, wenn er zu erzählen behauptet, was Sache war, oder Wahrheiten als Lügen verkauft.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 03.09.2019 um 22:56 Uhr (Zitieren)
Den Erzähler entsprechend zu gestalten, ist eine gute Idee.
Der Leser müßte erleben, wie sein eigenes klares Weltbild zerbröselt, in einen Sog des Zweifels gerät.
(Ich finde ähnliches bei Philip K. Dick: "The Three Stigmata of Palmer Eldritch"; auch da weiß man am Ende nicht mehr, was real und wer man selber ist.)
Auch gefällt es mir, mich in Alexandria in der Zeit Ptolemaios' I. und II. zu bewegen.

Zunächst aber sammle ich Informationen über Philetas/Philitas und gerate dabei in die Lage, daß ich bei Athenaios nur auf relativ Belangloses stoße, außer 13.598e-f; aber auch dies ist nicht die Stelle, die Du zitiert hast - die finde ich überhaupt nicht, wenn ich nach dem Index der LCL-Ausgabe vorgehe.
Kannst Du die Stelle angeben?

DNP schreibt überhaupt nichts über seine Faszination für Paradoxien.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 03.09.2019 um 23:03 Uhr (Zitieren)
P.S.: Der Neue Pauly hat die Schreibweisen Φιλήτας und Φιλίτας, wobei er die letztere für die bessere erklärt; der Kleine Pauly lehnt die Schreibweise der Suda, Φιλητᾶς, explizit ab.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 04.09.2019 um 12:29 Uhr (Zitieren)
Der Erzähler ist also Kreter.

Die Kontrastierung der Mobilität in intellektuellen Biographien (wie kommt man an diese Stelle in Alexandria überhaupt?), die Verwandlung des Geistes durch Reisen usf. mit den überall auftauchenden Paradoxien, denen man nicht entkommen kann, die zur fixen Idee werden, könnte einen weiteren Punkt dieser Heldenreise in den Irrsinn bilden. Gibt es eigentlich antike Beschreibungen eines Verhungerns, Verzehrtwerdens, obwohl keine äußere Notwendigkeit besteht, man also vor vollen Schüsseln sitzt?

Zu den Quellen: Sämtliche Stellen, an denen P. bei Athenaios vorkommt, listet http://www.digitalathenaeus.org via http://www.digitalathenaeus.org/tools/OlsonIndex/superdigger.php?what[]=Name|Philetas/Philitas%20of%20Cos&onoffswitch=on
Oben erwähnte Kürzestbiographie und Epitaph finden sich in 9.64.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 04.09.2019 um 12:32 Uhr (Zitieren)
Mein liebster Feind.

Titel des 1999 entstandenen Dokumentarfilms von Werner Herzog über seine Beziehung zu Klaus Kinski.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 04.09.2019 um 12:55 Uhr (Zitieren)
Zu Philetas: Ah ja. Eigenartige Zählung; bei LCL 401e.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 05.09.2019 um 15:23 Uhr (Zitieren)
[Zur Gastronomie in Wien:]
Die Burenwürste sind mit nichts zu rechtfertigen, außer vielleicht mit viel Senf; aber es gibt schon auch noch anderes zu essen, und dabei erwähnen wir hier nicht einmal das Schnitzel.

[Stephan Löwenstein in der Frankfurter Allgemeine vom 5. September 2019]
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 05.09.2019 um 15:54 Uhr (Zitieren)
filix hatte das Paradox schon erkannt - jetzt ist es veröffentlicht:
1800 Zweifel an Bielefeld

Eine Million Euro für Beweis, dass es die Stadt nicht gibt


FRANKFURT, 4. September. Wer auf einer Party sagt, dass er aus Bielefeld kommt, erhält so gut wie immer als Antwort: „Bielefeld gibt es doch gar nicht.“ Viele Bielefelder können über diesen immer gleichen Dialog nicht mehr lachen, die meisten Nicht-Bielefelder finden ihn trotzdem lustig. Wieder andere nehmen die Verschwörungstheorie für bare Münze – die Stadt Bielefeld zum Beispiel.
Sie hat in einem Wettbewerb eine Million Euro für den ersten Einsender ausgelobt, der beweisen kann, dass die Theorie stimmt. In den offiziellen Wettbewerbsbedingungen heißt es: „Der Teilnehmer muss die Nichtexistenz beweisen. Hierzu ist eine erschöpfende Beweisführung erforderlich, die durch nichts und niemanden zu erschüttern ist.“
Die Resonanz ist enorm. „Die Zahl der Einreichungen sprengt unsere kühnsten Erwartungen“, sagt Jens Franzke, der Leiter des Teams Stadtwerbung und Kommunikation. Kurz vor Ende der Einreichungsfrist am Mittwoch um Mitternacht hatten bereits 1800 Menschen mitgemacht. Die meisten von ihnen kommen aus Deutschland, jeder fünfte Beweis aber wurde per Mail aus dem Ausland abgeschickt. Unter den Einsendern sind Menschen aus Weißrussland, Japan und Neuseeland, aus Kanada, Australien und Südamerika.
„Die Bandbreite der Beweise ist riesig“, sagt Franzke. Einige seien „richtig gut gemacht“. Die aussichtsreichsten Bewerber argumentierten mit der Erkenntnistheorie, die auf philosophischer Basis die Voraussetzungen für Erkenntnisgewinn hinterfragt. Andere Einreicher bemühten die Quantenphysik. Ein Mathematiker wiederum schickte eine zweiseitige Herleitung voller komplizierter Formeln. „Am Anfang hat er Bielefeld als Variable eingesetzt, die am Ende herausgekürzt wird“, sagt Franzke. „Als Laie haben Sie da keine Chance. Sie wissen nicht, wo er den Trick eingebaut hat.“
Um diesen und andere Beweise zu prüfen, wird die Marketingabteilung der Stadt in den kommenden Wochen wissenschaftliche Experten hinzuziehen. Anschließend entscheidet ein dreiköpfiges Gremium. „Sollte es jemandem gelingen, die Nichtexistenz zu beweisen, benachrichtigen wir schriftlich“, versichern die Teilnahmebedingungen, in denen der Rechtsweg ausgeschlossen wird.
Was aber, wenn sich jemand damit nicht zufriedengibt und mit seiner „erschöpfenden Beweisführung“ vor ein real existierendes Gericht zieht? Um das zu verhindern, hatte die Marketingabteilung im Vorfeld eine Anwaltskanzlei beauftragt, den Ausschreibungstext zu verfassen. „Wir gehen davon aus, dass unsere Teilnahmebedingungen gerichtsfest sind und wir nichts zu befürchten haben.“
Doch auch an den Fall der Fälle hat er gedacht: Sollte ein Gericht die Stadt anweisen, die Million auszubezahlen, ist das Geld vorhanden. Die Stadt hat nämlich 56 Sponsoren, die ihr jedes Jahr zusammen 330000 Euro für Werbeaktivitäten spenden. Sollte die Million also ausgezahlt werden müssen, wäre „nur“ der Werbeetat für drei Jahre weg, nicht aber das Geld der Steuerzahler. „Das Preisgeld steht zur Verfügung“, beteuert Franzke. Mit einer Einschränkung: „Wenn jemand beweisen kann, dass es uns nicht gibt – wer soll dann das Preisgeld zahlen?“

[Christoph Schäfer in der Frankfurter Allgemeine vom 5. September 2019]

Wenn das nicht der gute alte Fall des Euathlos ist, mit dem hier einst alles begann!
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 05.09.2019 um 15:55 Uhr (Zitieren)
Das hatte filix geschrieben:
filix schrieb am 21.08.2019 um 19:30 Uhr (Zitieren)
Kann die Stadt Bielefeld, die neuerdings durch ihre Marketingabteilung demjenigen eine Million Euro als Prämie verspricht, der einen Beweis der sogenannten Bielefeld-Verschwörung liefert, welche besagt, dass es diese Stadt gar nicht gebe, deren Existenz nur vorgetäuscht werde, die Auszahlung für den Fall, dass ein solcher Beweis, wie immer er aussehen mag, vorgelegt und anerkannt wird, mit der Begründung verweigern, dass ebenso wenig wie die Stadt auch ihre Verwaltung oder Marketingabteilung existiere?
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 08.09.2019 um 13:54 Uhr (Zitieren)
Wenn Psychologen Lügner an bestimmten Merkmalen (Sprachstil, Körpersprache usw.) erkennen, dann werden geschickte Lügner sich gerade bei diesen Merkmale verstellen. So gefährden die Kriterien für die Erkennbarkeit von Lüge deren Erkennbarkeit.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 08.09.2019 um 18:36 Uhr (Zitieren)
Was soll man auch von einer Stadt, die sich als kleine Großstadt sieht (https://tinyurl.com/y6ophhzq), die Irreführung schon heimlich im Namen trägt (Die Ortsnamen der Stadt Bielefeld, S. 41: ... als Billerfeld ‘Irrfeld’ nach Westfäl. Wb. i sp. 720 billeren ‘planlos umherirren’ bzw. Billerbene ‘Irrweg, Abweg’) und Wirkungsstätte eines der einflussreichsten Soziologen war, dessen Denken u.a. um den Beobachter, der sich selbst nicht beobachten kann, kreiste und in der Paradoxie die Orthodoxie einer Gegenwart sah, die alle Letztbegründung von den Prinzipien in unauflösliche Widersprüche verlegt hat (Luhmann: passim), schon erwarten? ;)


---

Die Frage ist, ob eine ars dissimulandi beliebig Zugriff auf diese Indizien entwickeln kann und ob sich nicht vielleicht immer sekundäre Indizien (sozusagen Lügensignale höherer Ordnung) einstellen.

In dem Zusammenhang fällt mir auch die paradoxie Strategie ein, die Baltasar Gracián in seinem sogenannten Handorakel analysiert, welche das Wechselspiel von Täuschung, Durchschauen und folgender Täuschungserwartung des Gegners wiederum zu Täuschungszwecken einsetzt, wobei Lüge und Wahrheit im zweiten Durchgang den Platz tauschen, erstere nun gerade dadurch, dass sie sich am Platz der vermuteten heimlichen Absicht findet, glaubhaft erscheint, während die Wahrheit die Stelle der Täuschung einnimmt, und dadurch unglaubwürdig wirkt.
Man erzähle also dem Gegenüber, das meint, einen zu durchschauen, die Wahrheit als Lüge und lasse ihn geschickt die Lüge, die man ihn glauben machen will, als heimliche Absicht dahinter entdecken, die er für die Wahrheit halten wird.


13. Bald aus zweiter, bald aus erster Absicht handeln.

Ein Krieg ist das Leben des Menschen gegen die Bosheit des Menschen. Die Klugheit führt ihn, indem sie sich der Kriegslisten, hinsichtlich ihres Vorhabens, bedient. Nie thut sie das, was sie vorgiebt, sondern zielt nur, um zu täuschen. Mit Geschicklichkeit macht sie Luftstreiche; dann aber führt sie in der Wirklichkeit etwas Unerwartetes aus, stets darauf bedacht ihr Spiel zu verbergen.

Eine Absicht läßt sie erblicken, um die Aufmerksamkeit des Gegners dahin zu ziehen, kehrt ihr aber gleich wieder den Rücken und siegt durch das, woran Keiner gedacht. Jedoch kommt ihr andrerseits ein durchdringender Scharfsinn durch seine Aufmerksamkeit zuvor und belauert sie mit schlauer Ueberlegung: stets versteht er das Gegentheil von dem, was man ihm zu verstehn giebt, und erkennt sogleich jedes falsche Miene machen.

Die erste Absicht läßt er immer vorüber gehn, wartet auf die zweite, ja auf die dritte. Indem jetzt die Verstellung ihre Künste erkannt sieht, steigert sie sich noch höher und versucht nunmehr durch die Wahrheit selbst zu täuschen: sie ändert ihr Spiel, um ihre List zu ändern, und läßt das nicht Erkünstelte als erkünstelt erscheinen, indem sie so ihren Betrug auf die vollkommenste Aufrichtigkeit gründet.

Aber die beobachtende Schlauheit ist auf ihrem Posten, strengt ihren Scharfblick an und entdeckt die in Licht gehüllte Finsterniß: sie entziffert jenes Vorhaben, welches je aufrichtiger, desto trügerischer war. Auf solche Weise kämpft die Arglist des Python gegen den Glanz der durchdringenden Strahlen Apollo's.

Baltasar Gracián y Morales: Gracian's Orakel der Weltklugheit - Übersetzung: Schopenhauer

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 08.09.2019 um 18:38 Uhr (Zitieren)
paradoxie paradoxe Strategie
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 08.09.2019 um 21:07 Uhr (Zitieren)
Man erzähle also dem Gegenüber, das meint, einen zu durchschauen, die Wahrheit als Lüge und lasse es geschickt die Lüge, die man es glauben machen will, als heimliche Absicht dahinter entdecken, die es sodann für die Wahrheit halten wird.



Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 08.09.2019 um 21:18 Uhr (Zitieren)
Mich nervt das Fehlen einer Möglichkeit, die Beiträge zu korrigieren, ungemein. Könntest Du, nachdem ich schon einmal ergebnislos einen Vorstoß unternommen habe, Albert für eine Implementation der im Lateinforum zur Verfügung stehenden Funktionen zu gewinnen versuchen? Als Gründungsmitglied, Chief Content Producer und überhaupt und sowieso.

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 08.09.2019 um 22:42 Uhr (Zitieren)
Sehr schön, das mit dem Gracián - und sogar in der Textform, die Schopenhauer ihm gegeben hat, nicht in der einer der zahlreichen Überarbeitungen.
Arthur Hübscher bietet sie in seiner Ausgabe des Handschriftlichen Nachlasses, Bd. IV/2.

***

Diese Funktion habe auch ich mir schon des öfteren gewünscht. Und Albert Martin hat auf Deinen Vorstoß nicht reagiert? Dann bin ich gespannt, ob & wie er auf meinen antwortet. Ich werde die Möglichkeit für Dich und mich beantragen. Ob man ihm dafür die E-Mail-Adresse mitteilen muß? Meine hat er ja dann, wenn ich ihm schreibe.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 08.09.2019 um 22:49 Uhr (Zitieren)
Abgeschickt. Abwarten.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 08.09.2019 um 22:58 Uhr (Zitieren)
Danke. Ich habe Albert Martin deswegen schon mindestens einmal kontaktiert, das ist aber mittlerweile gewiss mehr als zwei Jahre her. Er hat das Anliegen, sagen wir einmal, höflich ignoriert. Ich fände eine Ausrichtung der Funktionen am Lateinforum jedenfalls vorteilhaft, d.h. die "Registrierung" wäre optional und für das Verfassen keine Voraussetzung. Wer Beiträge ändern möchte, könnte dies über die Eingabe eines bei ihm beantragten Passworts im Eingabefeld "Name:" tun, das Pseudonym wäre dadurch auch geschützt.

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 08.09.2019 um 23:23 Uhr (Zitieren)
Aha, mit Registrierung & Paßwort.
Nun, beim letzten Anliegen hat er ja auf meine Anfrage reagiert - aber ich hüte mich vor Induktionsschlüssen.
Ich habe Dich als zweiten Interessenten genannt; ggfs. mußt Du Dich dann mit ihm in Verbindung setzen. Was ich weiß bzw. erfahre, werde ich hier hinterlegen.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 16.09.2019 um 12:40 Uhr (Zitieren)
Auch auf meine Anfrage habe ich keine Antwort erhalten. Ich werde nachhaken.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 18.09.2019 um 17:17 Uhr (Zitieren)
Im Herbst wird es abends immer früher spät.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 18.09.2019 um 22:26 Uhr (Zitieren)
Die einzige Tragödie ist, dass wir uns nicht als tragisch empfinden können.

Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares (Fragment 107)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 18.09.2019 um 22:29 Uhr (Zitieren)
Der Webmaster hat nun reagiert: starke Arbeitsbelastung derzeit; Korrekturfunktion soll eingebaut werden, sobald er wieder etwas mehr Zeit für sein Webhobby hat.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 18.09.2019 um 22:35 Uhr (Zitieren)
Danke, auf der Titanic wird also noch repariert. Ich fürchte allerdings, dass dieses Forum die Folgen der EU-Urheberrechtsreform nicht überstehen wird.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 19.09.2019 um 18:39 Uhr (Zitieren)
In der Tiefgarage unseres Hauses standen Bauarbeiten an, weshalb mir die Hausverwaltung mitteilte, meine Frau müsse an dem betreffenden Tag, nämlich morgen, ihr Auto anderswo parken. Das habe ich ihr pflichtgemäß ausgerichtet: „Du mußt morgen dein Auto falsch parken, weil an deinem Stellplatz gebaut werden soll.“
Als sie am nächsten Morgen von einer mit dem Auto erledigten Besorgung heimkam, fragte ich sie besorgt: „Hast du auch falsch geparkt?“
„Ja“, beruhigte sie mich, „ich habe falsch geparkt.“
 
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