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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2 (5295 Aufrufe)
Γραικίσκος schrieb am 02.09.2019 um 15:07 Uhr (Zitieren)
Dieser Thread soll eine selbständige Fortsetzung des älteren, unübersichtlich gewordenen sein:

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=302#955
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 02.09.2019 um 15:29 Uhr (Zitieren)
Ich mache es so wie du, nämlich nicht so wie du, sondern so, wie ich es will.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 02.09.2019 um 15:30 Uhr (Zitieren)
Wenn wir noch eine Schlacht über die Römer gewinnen, werden wir ganz und gar verloren sein.

[Plutarch: Pyrrhos 21]
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 02.09.2019 um 20:45 Uhr (Zitieren)
Est igitur aliquid humilitatis miro modo quod sursum faciat cor, et est aliquid elationis quod deorsum faciat cor. Hoc quidem quasi contrarium videtur, ut elatio sit deorsum et humilitas sursum. Sed pia humilitas facit subditum superiori; nihil est autem superius Deo, et ideo exaltat humilitas quae facit subditum Deo.

Elatio autem, quae in vitio est, eo ipso respuit subiectionem et cadit ab illo quo non est quicquam superius, et ex hoc erit inferius et fit quod scriptum est: Deiecisti eos cum extollerentur. Non enim ait: Cum elati fuissent, ut prius extollerentur et postea deicerentur; sed cum extollerentur, tunc deiecti sunt. Ipsum quippe extolli iam deici est.

Quapropter quod nunc in civitate Dei et civitati Dei in hoc peregrinanti saeculo maxime commendatur humilitas et in eius rege, qui est Christus, maxime contrariumque huic virtuti elationis vitium in eius adversario, qui est diabolus, maxime dominari sacris litteris edocetur ...


Es gibt also merkwürdigerweise in der Erniedrigung (Demut) etwas, das das Herz erhebt, und in der Erhebung (Überheblichkeit) etwas, das das Herz erniedrigt. Das klingt nun freilich wie ein Widerspruch, dass die Erhebung (Überheblichkeit) nach unten, die Erniedrigung (Demut) nach oben führen soll. Aber fromme Erniedrigung (Demut) macht einem Höheren ergeben, und nichts ist erhabener als Gott; daher erhebt Erniedrigung (Demut), die Gott gegenüber Ergebenheit bewirkt.

Die Erhebung (Überheblichkeit) dagegen, die Tadel verdient, verweigert es von sich aus, unterworfen zu sein, und fällt von dem ab, der nichts Höheres über sich hat, und wird dadurch niedriger sein, und es erfüllt sich, was geschrieben steht: „Du hast sie herabgestürzt, da sie sich erhoben“ (Ps 72, 18). Es heißt nämlich nicht: „Da sie sich erhoben hatten“, als hätten sie sich zuerst erhoben und wären dann herabgestürzt worden, sondern indem sie sich erhoben, wurden sie herabgestürzt. Die Erhebung (die Überheblichkeit) selbst ist eben schon ein Herabgestürztwerden.

Daher ist nun im Gottesstaat und insbesondere dem Gottesstaat auf seiner irdischen Pilgerschaft die Erniedrigung (Demut) zu empfehlen und am allermeisten an ihrem Herrscher zu preisen, der Christus ist, während in der Heiligen Schrift deutlich gelehrt wird, dass das dieser Tugend entgegengesetzte Laster der Erhebung (Überheblichkeit) bei seinem Widersacher, dem Teufel, am deutlichsten ausgeprägt ist ...

Augustinus: De civitate Dei XIV, 13 - Übersetzung in Anlehnung an Alfred Schröders Übertragung.



Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 02.09.2019 um 21:34 Uhr (Zitieren)
Dass die Beschäftigung mit Paradoxien lebensgefährlich sein kann, dokumentiert folgende Kurzbiographie, die sich in der Suda, einem byzantischen Lexikon aus dem zehnten Jahrhundert, unter φ 332 findet:

Φιλήτας, Κῷος, υἱὸς Τηλέφου, ὢν ἐπί τε Φιλίππου καὶ Ἀλεξάνδρου, γραμματικὸς κριτικός· ὃς ἰσχνωθεὶς ἐκ τοῦ ζητεῖν τὸν καλούμενον Ψευδόμενον λόγον ἀπέθανεν. ἐγένετο δὲ καὶ διδάσκαλος τοῦ δευτέρου Πτολεμαίου. ἔγραψεν ἐπιγράμματα, καὶ ἐλεγείας καὶ ἄλλα.

Philetas, von Kos, Sohn des Telephos, lebte sowohl unter Philipp als auch Alexander. Grammatiker und Kritiker. Er starb ausgezehrt in Folge seiner Untersuchung des sogenannten Lügner-Paradoxons (Ψευδόμενον λόγον).
Er wurde auch Lehrer Ptolemaios' II. Er verfasste Epigramme, Elegien u.a.


Zu den Möglichen Quellen dieses Eintrags heißt es in der engl. Wikipedia:

A 2nd century AD Greek author, Athenaeus of Naucratis, wrote that Philitas studied false arguments and erroneous word-usage so intensely that he wasted away and starved to death, and that his epitaph read:

ξεῖνε, Φιλίτας εἰμί· λόγων ὁ ψευδόμενός με
ὥλεσε καὶ νυκτῶν φροντίδες ἑσπέριοι

St. George Stock analyzed the story as saying Philitas studied the Megarian school of philosophy, which cultivated and studied paradoxes such as the liar paradox: if someone says "I am lying", is what he says true or false? Stock wrote that Philitas worried so much over the liar paradox that he died of insomnia, and translated the epitaph as follows:

Philetas of Cos am I,
'Twas the Liar who made me die,
And the bad nights caused thereby.

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 03.09.2019 um 17:49 Uhr (Zitieren)
Wer übersetzt werden kann (ins Französische wenigstens), verdient nicht übersetzt zu werden.

Jean Paul: Ideengewimmel, Eichborn (1996), S. 57.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 03.09.2019 um 18:04 Uhr (Zitieren)
Immer wieder schön, diese Funstücke von Jean Paul. Bald bin ich vom Kauf überzeugt.

Nur ganz am Rande: Der Philetas-Hinweis hat mir gefallen; aber wird er in der Suda nicht Φιλητᾶς geschrieben?
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 03.09.2019 um 18:16 Uhr (Zitieren)
In dieser Kurzbiographie steckt allerdings der Plot eines pikaresken Philosophenromans.
Bei Φιλήτας bin ich der Loeb-Ausgabe Hellenistic Collection: Philitas. Alexander of Aetolia. Hermesianax. Euphorion. Parthenius (LCL 508, S.8) gefolgt.

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 03.09.2019 um 19:00 Uhr (Zitieren)
Stimmt, dort steht es so. Ich hab's in der Suda nachgeschaut. Nicht erheblich.

Den Plot mit Stoff (Handlung) zu füllen, stelle ich mir nicht ganz einfach vor. Ein Ansatz: Man könnte viele Situationen, wie sie in den hier gesammelten Paradoxien vorkommen, zur Grundlage nehmen - etwa ein Gerichtsverfahren in der Art des Euathlos, eine Ehe, in der die Partner einander immer wieder widersprechen, indem sie beahupten, sie widersprächen ja gar nicht usw.
Der gedachte Philetas stößt in seinem Leben, das ihn tragischerweise auch noch zum Philosophen hat werden lassen, immer wieder auf Parxadoxien. Durch sie und durch sein Nachdenken über sie gerät er in eine Krise. Diese erreicht ihren Höhepunkt angesichts eines Plastikstrohhalms (oder eines Barfußschuhs).

_____

A.: "Ich wußte nicht, was ich dir schenken soll. Deshalb bin ich mit der Zeitmaschine bis Weihnachen gereist und habe nachgesehen, was ich dir schenke."
B.: "Socken und ein Paradoxon! Danke."

(Josha Sauer)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 03.09.2019 um 20:06 Uhr (Zitieren)
Ich sehe auch im Übergang von der Entdeckung der Ubiquität des Paradoxen zur existenziellen Krise den erzählerischen Motor. Er müsste einen geradezu grotesken Kampf gegen die verschlingende Kraft führen, die für ihn von diesen Paradoxien ausgeht und alles wortwörtlich aufzufressen droht, am Ende ihn selbst, während alle Welt sonst damit anscheinend kein Problem hat. Das beträfe z.B. also nicht nur die Begrifflichkeiten von Wahrheit und Lüge überhaupt, sondern den sich in diesen Spiegelkabinetten verlierenden endlichen Denker in seiner physischen und geistigen Existenz, der immer weiter abmagert, dessen Blickfeld sich zusehends verengt, unfähig, sich von diesem sich immer weiter verwickelnden gordischen Knoten mit einem Denkakt zu befreien, der die Natur von Alexanders Schwerthieb besitzt. Dann auch das Elend eines Lehrers, der, nachdem ihm substanziell eigentlich nicht mehr zu lehren bleibt, den Lehrer für Ptolemaios spielen muss, der also sozusagen sein eigenes Paradoxon wird. Paradox wäre auch der notorisch unzuverlässige Erzähler anzulegen, von dem man von Seite zu Seite immer weniger zu sagen vermag, ob er lügt, wenn er zu erzählen behauptet, was Sache war, oder Wahrheiten als Lügen verkauft.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 03.09.2019 um 22:56 Uhr (Zitieren)
Den Erzähler entsprechend zu gestalten, ist eine gute Idee.
Der Leser müßte erleben, wie sein eigenes klares Weltbild zerbröselt, in einen Sog des Zweifels gerät.
(Ich finde ähnliches bei Philip K. Dick: "The Three Stigmata of Palmer Eldritch"; auch da weiß man am Ende nicht mehr, was real und wer man selber ist.)
Auch gefällt es mir, mich in Alexandria in der Zeit Ptolemaios' I. und II. zu bewegen.

Zunächst aber sammle ich Informationen über Philetas/Philitas und gerate dabei in die Lage, daß ich bei Athenaios nur auf relativ Belangloses stoße, außer 13.598e-f; aber auch dies ist nicht die Stelle, die Du zitiert hast - die finde ich überhaupt nicht, wenn ich nach dem Index der LCL-Ausgabe vorgehe.
Kannst Du die Stelle angeben?

DNP schreibt überhaupt nichts über seine Faszination für Paradoxien.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 03.09.2019 um 23:03 Uhr (Zitieren)
P.S.: Der Neue Pauly hat die Schreibweisen Φιλήτας und Φιλίτας, wobei er die letztere für die bessere erklärt; der Kleine Pauly lehnt die Schreibweise der Suda, Φιλητᾶς, explizit ab.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 04.09.2019 um 12:29 Uhr (Zitieren)
Der Erzähler ist also Kreter.

Die Kontrastierung der Mobilität in intellektuellen Biographien (wie kommt man an diese Stelle in Alexandria überhaupt?), die Verwandlung des Geistes durch Reisen usf. mit den überall auftauchenden Paradoxien, denen man nicht entkommen kann, die zur fixen Idee werden, könnte einen weiteren Punkt dieser Heldenreise in den Irrsinn bilden. Gibt es eigentlich antike Beschreibungen eines Verhungerns, Verzehrtwerdens, obwohl keine äußere Notwendigkeit besteht, man also vor vollen Schüsseln sitzt?

Zu den Quellen: Sämtliche Stellen, an denen P. bei Athenaios vorkommt, listet http://www.digitalathenaeus.org via http://www.digitalathenaeus.org/tools/OlsonIndex/superdigger.php?what[]=Name|Philetas/Philitas%20of%20Cos&onoffswitch=on
Oben erwähnte Kürzestbiographie und Epitaph finden sich in 9.64.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 04.09.2019 um 12:32 Uhr (Zitieren)
Mein liebster Feind.

Titel des 1999 entstandenen Dokumentarfilms von Werner Herzog über seine Beziehung zu Klaus Kinski.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 04.09.2019 um 12:55 Uhr (Zitieren)
Zu Philetas: Ah ja. Eigenartige Zählung; bei LCL 401e.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 05.09.2019 um 15:23 Uhr (Zitieren)
[Zur Gastronomie in Wien:]
Die Burenwürste sind mit nichts zu rechtfertigen, außer vielleicht mit viel Senf; aber es gibt schon auch noch anderes zu essen, und dabei erwähnen wir hier nicht einmal das Schnitzel.

[Stephan Löwenstein in der Frankfurter Allgemeine vom 5. September 2019]
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 05.09.2019 um 15:54 Uhr (Zitieren)
filix hatte das Paradox schon erkannt - jetzt ist es veröffentlicht:
1800 Zweifel an Bielefeld

Eine Million Euro für Beweis, dass es die Stadt nicht gibt


FRANKFURT, 4. September. Wer auf einer Party sagt, dass er aus Bielefeld kommt, erhält so gut wie immer als Antwort: „Bielefeld gibt es doch gar nicht.“ Viele Bielefelder können über diesen immer gleichen Dialog nicht mehr lachen, die meisten Nicht-Bielefelder finden ihn trotzdem lustig. Wieder andere nehmen die Verschwörungstheorie für bare Münze – die Stadt Bielefeld zum Beispiel.
Sie hat in einem Wettbewerb eine Million Euro für den ersten Einsender ausgelobt, der beweisen kann, dass die Theorie stimmt. In den offiziellen Wettbewerbsbedingungen heißt es: „Der Teilnehmer muss die Nichtexistenz beweisen. Hierzu ist eine erschöpfende Beweisführung erforderlich, die durch nichts und niemanden zu erschüttern ist.“
Die Resonanz ist enorm. „Die Zahl der Einreichungen sprengt unsere kühnsten Erwartungen“, sagt Jens Franzke, der Leiter des Teams Stadtwerbung und Kommunikation. Kurz vor Ende der Einreichungsfrist am Mittwoch um Mitternacht hatten bereits 1800 Menschen mitgemacht. Die meisten von ihnen kommen aus Deutschland, jeder fünfte Beweis aber wurde per Mail aus dem Ausland abgeschickt. Unter den Einsendern sind Menschen aus Weißrussland, Japan und Neuseeland, aus Kanada, Australien und Südamerika.
„Die Bandbreite der Beweise ist riesig“, sagt Franzke. Einige seien „richtig gut gemacht“. Die aussichtsreichsten Bewerber argumentierten mit der Erkenntnistheorie, die auf philosophischer Basis die Voraussetzungen für Erkenntnisgewinn hinterfragt. Andere Einreicher bemühten die Quantenphysik. Ein Mathematiker wiederum schickte eine zweiseitige Herleitung voller komplizierter Formeln. „Am Anfang hat er Bielefeld als Variable eingesetzt, die am Ende herausgekürzt wird“, sagt Franzke. „Als Laie haben Sie da keine Chance. Sie wissen nicht, wo er den Trick eingebaut hat.“
Um diesen und andere Beweise zu prüfen, wird die Marketingabteilung der Stadt in den kommenden Wochen wissenschaftliche Experten hinzuziehen. Anschließend entscheidet ein dreiköpfiges Gremium. „Sollte es jemandem gelingen, die Nichtexistenz zu beweisen, benachrichtigen wir schriftlich“, versichern die Teilnahmebedingungen, in denen der Rechtsweg ausgeschlossen wird.
Was aber, wenn sich jemand damit nicht zufriedengibt und mit seiner „erschöpfenden Beweisführung“ vor ein real existierendes Gericht zieht? Um das zu verhindern, hatte die Marketingabteilung im Vorfeld eine Anwaltskanzlei beauftragt, den Ausschreibungstext zu verfassen. „Wir gehen davon aus, dass unsere Teilnahmebedingungen gerichtsfest sind und wir nichts zu befürchten haben.“
Doch auch an den Fall der Fälle hat er gedacht: Sollte ein Gericht die Stadt anweisen, die Million auszubezahlen, ist das Geld vorhanden. Die Stadt hat nämlich 56 Sponsoren, die ihr jedes Jahr zusammen 330000 Euro für Werbeaktivitäten spenden. Sollte die Million also ausgezahlt werden müssen, wäre „nur“ der Werbeetat für drei Jahre weg, nicht aber das Geld der Steuerzahler. „Das Preisgeld steht zur Verfügung“, beteuert Franzke. Mit einer Einschränkung: „Wenn jemand beweisen kann, dass es uns nicht gibt – wer soll dann das Preisgeld zahlen?“

[Christoph Schäfer in der Frankfurter Allgemeine vom 5. September 2019]

Wenn das nicht der gute alte Fall des Euathlos ist, mit dem hier einst alles begann!
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 05.09.2019 um 15:55 Uhr (Zitieren)
Das hatte filix geschrieben:
filix schrieb am 21.08.2019 um 19:30 Uhr (Zitieren)
Kann die Stadt Bielefeld, die neuerdings durch ihre Marketingabteilung demjenigen eine Million Euro als Prämie verspricht, der einen Beweis der sogenannten Bielefeld-Verschwörung liefert, welche besagt, dass es diese Stadt gar nicht gebe, deren Existenz nur vorgetäuscht werde, die Auszahlung für den Fall, dass ein solcher Beweis, wie immer er aussehen mag, vorgelegt und anerkannt wird, mit der Begründung verweigern, dass ebenso wenig wie die Stadt auch ihre Verwaltung oder Marketingabteilung existiere?
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 08.09.2019 um 13:54 Uhr (Zitieren)
Wenn Psychologen Lügner an bestimmten Merkmalen (Sprachstil, Körpersprache usw.) erkennen, dann werden geschickte Lügner sich gerade bei diesen Merkmale verstellen. So gefährden die Kriterien für die Erkennbarkeit von Lüge deren Erkennbarkeit.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 08.09.2019 um 18:36 Uhr (Zitieren)
Was soll man auch von einer Stadt, die sich als kleine Großstadt sieht (https://tinyurl.com/y6ophhzq), die Irreführung schon heimlich im Namen trägt (Die Ortsnamen der Stadt Bielefeld, S. 41: ... als Billerfeld ‘Irrfeld’ nach Westfäl. Wb. i sp. 720 billeren ‘planlos umherirren’ bzw. Billerbene ‘Irrweg, Abweg’) und Wirkungsstätte eines der einflussreichsten Soziologen war, dessen Denken u.a. um den Beobachter, der sich selbst nicht beobachten kann, kreiste und in der Paradoxie die Orthodoxie einer Gegenwart sah, die alle Letztbegründung von den Prinzipien in unauflösliche Widersprüche verlegt hat (Luhmann: passim), schon erwarten? ;)


---

Die Frage ist, ob eine ars dissimulandi beliebig Zugriff auf diese Indizien entwickeln kann und ob sich nicht vielleicht immer sekundäre Indizien (sozusagen Lügensignale höherer Ordnung) einstellen.

In dem Zusammenhang fällt mir auch die paradoxie Strategie ein, die Baltasar Gracián in seinem sogenannten Handorakel analysiert, welche das Wechselspiel von Täuschung, Durchschauen und folgender Täuschungserwartung des Gegners wiederum zu Täuschungszwecken einsetzt, wobei Lüge und Wahrheit im zweiten Durchgang den Platz tauschen, erstere nun gerade dadurch, dass sie sich am Platz der vermuteten heimlichen Absicht findet, glaubhaft erscheint, während die Wahrheit die Stelle der Täuschung einnimmt, und dadurch unglaubwürdig wirkt.
Man erzähle also dem Gegenüber, das meint, einen zu durchschauen, die Wahrheit als Lüge und lasse ihn geschickt die Lüge, die man ihn glauben machen will, als heimliche Absicht dahinter entdecken, die er für die Wahrheit halten wird.


13. Bald aus zweiter, bald aus erster Absicht handeln.

Ein Krieg ist das Leben des Menschen gegen die Bosheit des Menschen. Die Klugheit führt ihn, indem sie sich der Kriegslisten, hinsichtlich ihres Vorhabens, bedient. Nie thut sie das, was sie vorgiebt, sondern zielt nur, um zu täuschen. Mit Geschicklichkeit macht sie Luftstreiche; dann aber führt sie in der Wirklichkeit etwas Unerwartetes aus, stets darauf bedacht ihr Spiel zu verbergen.

Eine Absicht läßt sie erblicken, um die Aufmerksamkeit des Gegners dahin zu ziehen, kehrt ihr aber gleich wieder den Rücken und siegt durch das, woran Keiner gedacht. Jedoch kommt ihr andrerseits ein durchdringender Scharfsinn durch seine Aufmerksamkeit zuvor und belauert sie mit schlauer Ueberlegung: stets versteht er das Gegentheil von dem, was man ihm zu verstehn giebt, und erkennt sogleich jedes falsche Miene machen.

Die erste Absicht läßt er immer vorüber gehn, wartet auf die zweite, ja auf die dritte. Indem jetzt die Verstellung ihre Künste erkannt sieht, steigert sie sich noch höher und versucht nunmehr durch die Wahrheit selbst zu täuschen: sie ändert ihr Spiel, um ihre List zu ändern, und läßt das nicht Erkünstelte als erkünstelt erscheinen, indem sie so ihren Betrug auf die vollkommenste Aufrichtigkeit gründet.

Aber die beobachtende Schlauheit ist auf ihrem Posten, strengt ihren Scharfblick an und entdeckt die in Licht gehüllte Finsterniß: sie entziffert jenes Vorhaben, welches je aufrichtiger, desto trügerischer war. Auf solche Weise kämpft die Arglist des Python gegen den Glanz der durchdringenden Strahlen Apollo's.

Baltasar Gracián y Morales: Gracian's Orakel der Weltklugheit - Übersetzung: Schopenhauer

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 08.09.2019 um 18:38 Uhr (Zitieren)
paradoxie paradoxe Strategie
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 08.09.2019 um 21:07 Uhr (Zitieren)
Man erzähle also dem Gegenüber, das meint, einen zu durchschauen, die Wahrheit als Lüge und lasse es geschickt die Lüge, die man es glauben machen will, als heimliche Absicht dahinter entdecken, die es sodann für die Wahrheit halten wird.



Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 08.09.2019 um 21:18 Uhr (Zitieren)
Mich nervt das Fehlen einer Möglichkeit, die Beiträge zu korrigieren, ungemein. Könntest Du, nachdem ich schon einmal ergebnislos einen Vorstoß unternommen habe, Albert für eine Implementation der im Lateinforum zur Verfügung stehenden Funktionen zu gewinnen versuchen? Als Gründungsmitglied, Chief Content Producer und überhaupt und sowieso.

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 08.09.2019 um 22:42 Uhr (Zitieren)
Sehr schön, das mit dem Gracián - und sogar in der Textform, die Schopenhauer ihm gegeben hat, nicht in der einer der zahlreichen Überarbeitungen.
Arthur Hübscher bietet sie in seiner Ausgabe des Handschriftlichen Nachlasses, Bd. IV/2.

***

Diese Funktion habe auch ich mir schon des öfteren gewünscht. Und Albert Martin hat auf Deinen Vorstoß nicht reagiert? Dann bin ich gespannt, ob & wie er auf meinen antwortet. Ich werde die Möglichkeit für Dich und mich beantragen. Ob man ihm dafür die E-Mail-Adresse mitteilen muß? Meine hat er ja dann, wenn ich ihm schreibe.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 08.09.2019 um 22:49 Uhr (Zitieren)
Abgeschickt. Abwarten.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 08.09.2019 um 22:58 Uhr (Zitieren)
Danke. Ich habe Albert Martin deswegen schon mindestens einmal kontaktiert, das ist aber mittlerweile gewiss mehr als zwei Jahre her. Er hat das Anliegen, sagen wir einmal, höflich ignoriert. Ich fände eine Ausrichtung der Funktionen am Lateinforum jedenfalls vorteilhaft, d.h. die "Registrierung" wäre optional und für das Verfassen keine Voraussetzung. Wer Beiträge ändern möchte, könnte dies über die Eingabe eines bei ihm beantragten Passworts im Eingabefeld "Name:" tun, das Pseudonym wäre dadurch auch geschützt.

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 08.09.2019 um 23:23 Uhr (Zitieren)
Aha, mit Registrierung & Paßwort.
Nun, beim letzten Anliegen hat er ja auf meine Anfrage reagiert - aber ich hüte mich vor Induktionsschlüssen.
Ich habe Dich als zweiten Interessenten genannt; ggfs. mußt Du Dich dann mit ihm in Verbindung setzen. Was ich weiß bzw. erfahre, werde ich hier hinterlegen.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 16.09.2019 um 12:40 Uhr (Zitieren)
Auch auf meine Anfrage habe ich keine Antwort erhalten. Ich werde nachhaken.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 18.09.2019 um 17:17 Uhr (Zitieren)
Im Herbst wird es abends immer früher spät.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 18.09.2019 um 22:26 Uhr (Zitieren)
Die einzige Tragödie ist, dass wir uns nicht als tragisch empfinden können.

Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares (Fragment 107)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 18.09.2019 um 22:29 Uhr (Zitieren)
Der Webmaster hat nun reagiert: starke Arbeitsbelastung derzeit; Korrekturfunktion soll eingebaut werden, sobald er wieder etwas mehr Zeit für sein Webhobby hat.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 18.09.2019 um 22:35 Uhr (Zitieren)
Danke, auf der Titanic wird also noch repariert. Ich fürchte allerdings, dass dieses Forum die Folgen der EU-Urheberrechtsreform nicht überstehen wird.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 19.09.2019 um 18:39 Uhr (Zitieren)
In der Tiefgarage unseres Hauses standen Bauarbeiten an, weshalb mir die Hausverwaltung mitteilte, meine Frau müsse an dem betreffenden Tag, nämlich morgen, ihr Auto anderswo parken. Das habe ich ihr pflichtgemäß ausgerichtet: „Du mußt morgen dein Auto falsch parken, weil an deinem Stellplatz gebaut werden soll.“
Als sie am nächsten Morgen von einer mit dem Auto erledigten Besorgung heimkam, fragte ich sie besorgt: „Hast du auch falsch geparkt?“
„Ja“, beruhigte sie mich, „ich habe falsch geparkt.“
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 23.09.2019 um 13:33 Uhr (Zitieren)
Immer hatte der Leiter der Schule
In den verschiedenen Pausen kleiner und größerer Art
Sein Fenster mehrmals geöffnet
Und in den Hof hinuntergerufen:
"Ungezwungen, seid ungezwungen!
Kinder, seid ungezwungen, ungezwungen!"

Mehrmals am Tage habe
So Kastner
Der Leiter dieses Stück Wort in den Hof gerufen

Hanns-Dieter Hüsch: Hagenbuch und die Erziehung
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 23.09.2019 um 13:55 Uhr (Zitieren)
Sehr schön!
Als bibliographische Angabe habe ich gefunden:
Hanns-Dieter Hüsch: ... dass die Erziehung seiner Kinder eine völlig verfahrene war. Die Hagenbuch-Texte. Berlin 2015 (E-Book)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 23.09.2019 um 14:39 Uhr (Zitieren)
Ferner, der Niederrheiner weiß nix, kann aber alles erklären. Umgekehrt, wenn man ihm etwas erklärt, versteht er nichts, sagt aber dauernd: Ist doch logisch! Wenn man dann fragt: Wieso logisch?, antwortet er meist: Ja, wieso, weiß ich auch nicht. Wenn man dann fragt: Wieso sagst du dann dauernd "Ist doch logisch!"?, sagt er oft: Man wird doch noch mal etwas in Frage stellen dürfen!

Hanns-Dieter Hüsch: Am Niederrhein (1987)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 23.09.2019 um 14:55 Uhr (Zitieren)
Erkenne dich selbst, bedeutet nicht: Beobachte dich. Beobachte dich ist das Wort der Schlange. Es bedeutet: Mache dich zum Herrn deiner Handlungen. Nun bist du es aber schon, bist Herr deiner Handlungen. Das Wort bedeutet also: Verkenne dich! Zerstöre dich! also etwas Böses - und nur wenn man sich sehr tief hinabbeugt, hört man auch sein Gutes, welches lautet: "Um dich zu dem zu machen, der du bist".

Kafka: Die acht Oktavhefte in: Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß, S. Fischer (1980) S. 59
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 23.09.2019 um 15:19 Uhr (Zitieren)
Mein Omma väterlicherseits
war eine geborene Husmann Katharina,
das war die, die immer sagte:
"Geh ma auf de Bank sitzen."
In Homberg am Niederrhein,
da sagt man nämlich nicht: "Nimm Platz",
sondern da sagt man: "Geh sitzen",
in Homberg am Niederrhein,
wo mein Omma im Garten immer nach den Tomaten
und Stachelbeeren guckte
und wo Onkel Fritz der Lieblingsbruder von Tante Liese
auch mal Bürgermeister war
und wo der Rhein oft über die Felder bis ins Haus kam,
da sagt man: "Geh sitzen".
Die Engländer sagen ja auch:
"I am going to see",
das heißt: "Ich bin gehend am sehen".
Dat is von Egland über Holland
zu uns an den Niederrhein gekommen.
Und wenn meine Omma väterlicherseits sagte:
"Geh ma auf de Bank sitzen",
da wußte ich nie, wat ich machen sollte.
Ich bin dann immer erst drei Schritt auf de Bank gegangen,
un dann erst hab ich mich, plumps, hingesetzt.
Dat is zwar ein ziemlich krummes Deutsch,
geh ma auf de Bank sitzen,
aber sowat von gemütstief
kriegen se später nie wieder,
nie.

(Hanns-Dieter Hüsch: Mein Traum vom Niederrhein. Duisburg ²1997, S. 11-13)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 23.09.2019 um 15:24 Uhr (Zitieren)
Egland --> England
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 24.09.2019 um 19:02 Uhr (Zitieren)
War die "repressive Toleranz" des Herbert Marcuse schon da? Ich bin nicht sicher,ob ich das für kritische Geister exakt genug erklären kann.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 24.09.2019 um 19:02 Uhr (Zitieren)
War die "repressive Toleranz" des Herbert Marcuse schon da? Ich bin nicht sicher,ob ich das für kritische Geister exakt genug erklären kann.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 24.09.2019 um 22:44 Uhr (Zitieren)
Nein, "repressive Toleranz" gab's noch nicht. Überhaupt haben wir die Marxisten mit ihrer Dialektik bisher vernachlässigt.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 24.09.2019 um 23:21 Uhr (Zitieren)
Ich hab es in meine Sammlung übernommen. Danke für den Hinweis.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 27.09.2019 um 22:47 Uhr (Zitieren)
Eine Dame fragt in New York den Busfahrer: „Sind Sie Jude?“ Der verneint, sie läßt aber nicht locker, fragt noch mal und noch mal. Um die Sache zu beenden, sagt der Fahrer schließlich: „Wenn Ihnen so viel daran liegt, ja, ich bin Jude.“ Sie lehnt sich tief befriedigt zurück, mustert ihn noch einmal und meint: „Sie sehen nicht so aus.“

(Martin Grotjahn: Vom Sinn des Lachens; zitiert nach einem Leserbrief in der Frankfurter Allgemeine vom 27. September 2019)

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 29.09.2019 um 23:18 Uhr (Zitieren)
Ein Mensch kann abwesend anwesend sein, z.B. wenn sich den ganzen Abend lang das Gespräch um ihn dreht.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 30.09.2019 um 14:06 Uhr (Zitieren)
Ob der Untote, der Zombie, diese paradoxe Existenzform zwischen Tod und Leben, sich schon in der Sammlung findet, weiß ich nicht.
Ich habe aber bei Dante im letzten Gesang des Inferno einen schönen Beleg gefunden. Dante erblickt den im Eis eingefrorenen Satan:

Io non mori' e non rimasi vivo:
pensa oggimai per te, s'hai fior d'ingegno,
qual io divenni, d'uno e d'altro privo.

Ich starb nicht hin und blieb auch nicht lebendig;
denk dir's jetzt selber aus, wenn du ein Blättchen Phantasien hast,
was da aus mir wurde, wo ich den Tod nicht hatte,
und das Leben auch nicht.

(Inf. XXXIV, 25ff. - Übersetzung: Hartmut Köhler)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 30.09.2019 um 14:08 Uhr (Zitieren)
Die Ermahnung, sich nicht gehen zu lassen und nicht in Selbstmitleid zu versinken, quittierte er mit den Worten: Ich habe kein Selbstmitleid, ich bin einfach so arm!
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 01.10.2019 um 12:53 Uhr (Zitieren)
Geschenk des Lebens? Dankbarkeit? Gott hätte mich gefälligst erstmal fragen sollen, bevor er mich geschaffen hat!

***

Zu allen Zeiten haben die alten Leute über die jüngeren geschimpft und über den Verfall der Sitten. Aber wir sind die erste Generation, die recht damit hat!
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 01.10.2019 um 13:23 Uhr (Zitieren)
Kann das Problem, das jemand mit der Unzuverlässigkeit eines anderen hat, mit einem Versprechen von dessen Seite gelöst werden?
A: „Man kann sich auf deine Versprechen nicht verlassen.“
B: „Ich verspreche, daß ich mich bessern werde.“

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 02.10.2019 um 14:23 Uhr (Zitieren)
Die Tatsache, daß ich Paranoiker bin, bedeutet nicht, daß sie nicht hinter mir her sind.

(Philip K. Dick)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 04.10.2019 um 10:15 Uhr (Zitieren)
Es gibt die "schöpferische Zerstörung" (creative destruction) des Kapitalismus (Schumpeter). Die Ergebnisse lassen sich rund um den Globus besichtigen.

Gandhi befahl seiner Frau, sich zu emanzipieren.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 04.10.2019 um 11:17 Uhr (Zitieren)
Karoline von Günderode: Liebe

O reiche Armut!
Gebend seliges Empfangen!
In Zagheit Mut!
In Freiheit, doch gefangen.
In Stummheit Sprache.
Schüchtern bei Tage.
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod,
In Einen sel´ges Leben.
Schwelgend in Not,
Im Widerstand ergeben.
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten,
Leben im Traum und doppelt Leben.


WER TOPPT DAS?
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 04.10.2019 um 11:44 Uhr (Zitieren)
Mal Gedichte in Betracht zu ziehen, ist ein guter Einfall.
Und überhaupt: Liebe als Paradox!
Paul Fleming
(1609-1640)

LIEBESQUAL

Ist dieses nun das süße Wesen,
Nach dem mich so verlanget hat?
Ist dieses der gesunde Rat,
Ohn den ich konnte nicht genesen,
Und ist dies meiner Wehmut Frucht,
Die ich so emsig aufgesucht?

Wie unverwirrt ist doch ein Herze,
Das nicht mehr als sich selbst erkennt,
Von keiner fremden Flamme brennt,
Selbst seine Lust und selbst sein Schmerze!
Seit daß ich nicht mehr meine bin,
So ist mein ganzes Glücke hin.

Ich schlaf, ich träume bei dem Wachen,
Ich ruh und habe keine Ruh.
Ich tu und weiß nicht, was ich tu;
Ich weine mitten in dem Lachen.
Ich denk, ich mache dies und das;
Ich schweig, ich red und weiß nicht was.

Die Sonne scheint für mich nicht helle,
Mich kühlt die Glut, mich brennt das Eis.
Ich weiß und weiß nicht, was ich weiß.
Die Nacht tritt an des Tages Stelle.
Itzt bin ich dort, itzt da, itzt hier.
Ich folg und fliehe selbst vor mir.

Wie wird mirs doch noch endlich gehen?
Ich wohne nunmehr nicht in mir.
Mein Schein nur ist es, den ihr hier
In meinem Bilde sehet stehen.
Ich bin nun nicht mehr selber ich.
Ach Liebe, wozu bringst du mich!

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 05.10.2019 um 01:12 Uhr (Zitieren)
Dem Spott des französischen Volksmundes über die polytechniciens verdanken sich paradoxe Formulierungen wie C'est un homme qui sait tout et rien d'autre, die sich in viele Sprachen verbreitet hat. Zuletzt begegnet ist mir eine Variante in Roberto Begninis Huldigung an Dante ("Il mio Dante"), wo daraus ein angebliches Machiavelli-Zitat wird:

Ci sono persone che sanno tutto e questo è tutto quello che sanno.
Es gibt Leute, die alles wissen, und das ist alles, was sie wissen.

Damit verwandt ist die Selbstcharakterisierung des österreichischen Kabarettisten Günther "Gunkl" Paal als Experte für eh alles.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 05.10.2019 um 01:48 Uhr (Zitieren)
hat haben


---

Beckett: Yet I speak of an art turning from it in disgust, weary of puny exploits, weary of pretending to be able, of being able, of doing a little better the same old thing, of going a little further along a dreary road.

Duthuit: And preferring what?

Beckett: The expression that there is nothing to express, nothing with which to express, nothing from which to express, no power to express, no desire to express, together with the obligation to express.

Samuel Beckett: Proust and Three Dialogues with Georges Duthuit (Calder and Boyars, London (1965), S. 103

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 08.10.2019 um 12:00 Uhr (Zitieren)
Less is more. Mies van der Rohe (glaube ich).
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 08.10.2019 um 13:20 Uhr (Zitieren)
Less is more. Mies van der Rohe (glaube ich)

More or less: https://de.wikipedia.org/wiki/Weniger_ist_mehr

Dort zu finden ist auch die Extrapolation durch Rem Koolhaas "If less is more, maybe nothing is everything".
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 08.10.2019 um 13:35 Uhr (Zitieren)
(Ein Zwischenstand: meine Sammlung, die nicht völlig, aber weitgehend gleich ist mit den beiden Threads hier, umfaßt inzwischen 481 Paradoxien.)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 08.10.2019 um 14:10 Uhr (Zitieren)
Sammelst Du auch visuelle und akustische Paradoxien (z.B. die auf Shepardtönen basierenden scheinbar unendlich an- oder absteigenden Tonfolgen: https://www.youtube.com/watch?v=OsBanpBQj0k)?
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 08.10.2019 um 14:35 Uhr (Zitieren)
Bilder ja, Escher und sowas. Aus dem Bereich der Musik habe ich bisher nur das schöne Grab des Komponisten Alfred Schnittke, von dem es bei Wikipedia eine Abbildung gibt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Schnittke

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 15.10.2019 um 00:14 Uhr (Zitieren)
Christus ist im Jahre 4 vor Christi Geburt geboren.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Johannes schrieb am 15.10.2019 um 09:21 Uhr (Zitieren)
"Nach Mt 2,1 ff. und Lk 1,5 wurde er zu Lebzeiten des Herodes geboren, der nach Josephus 4 v. Chr. starb. Demnach wurde Jesus wahrscheinlich zwischen 7 und 4 v. Chr. geboren."

Ganz genau kann man es also nicht sagen.

Dass Jesus eine literarische Fiktion ist, wird
auch heute noch behauptet.
Fakt ist, dass wir über den historischen Jesus
fast nichts wissen.

https://www.spin.de/forum/msg-archive/203/2010/03/19319
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 15.10.2019 um 12:18 Uhr (Zitieren)
Nein, genau kann man es nicht sagen, aber spätestens 4 v. Chr.
Die Paradoxie funktioniert auch mit Deiner Version, sofern man "Jesus" mit "Christus" erweitert und das "v. Chr." ausschreibt:
Demnach wurde Jesus Christus wahrscheinlich zwischen 7 und 4 vor Christus geboren.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Gast schrieb am 15.10.2019 um 12:56 Uhr (Zitieren)
Zum (Jesus) Christus wurde er erst n.Chr. durch seine Auferstehung (ca. 30 n. Chr.).
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 15.10.2019 um 13:13 Uhr (Zitieren)
Und doch rechnet man gemeinhin "ab/nach Christi Geburt" (post Christum natum), nicht ab der Auferstehung.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 15.10.2019 um 13:15 Uhr (Zitieren)
... und auch nicht ab Jesu Geburt (n. J.).
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Gast schrieb am 15.10.2019 um 13:34 Uhr (Zitieren)
Da man ihn im Nachhinein aufgrund seiner Anastasis als den Christus/Gesalbten Gottes identifizierte, wurden die Namen schnell verschmolzen und er firmiert seitdem vorwiegend
unter dem Doppelnamen.
Die Auferstehung wird theologisch auch als Bestätigung seiner Sendung durch Gott gesehen (Messias).
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 16.10.2019 um 22:23 Uhr (Zitieren)
Zwei Filmszenen im jüdischen Milieu ("Der letzte Komödiant" mit Billy Crystal):

I.
„Ein tolles Restaurant! Die haben sogar einen koscheren Schweinebraten. Ich weiß auch nicht, wie die das machen.“

II.
„Diese beiden Frauen, das waren eineiige Cousinen. Wie ist das möglich?“
„Haben die Deutschen nicht an sowas gearbeitet?“
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 22.10.2019 um 00:12 Uhr (Zitieren)
Beide Seiten müssen verlieren, damit eine Win-win-Situation entsteht.

Der amtierende serbische Präsident Vučić in einem Interview zu den Verhandlungen mit dem Kosovo über künftige Beziehungen. Der Standard, 21. Oktober 2019.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 27.10.2019 um 22:16 Uhr (Zitieren)
„Kleinmann, Sie sind völlig inkompetent.“
„Ich? Nein! Ich weiß gar nicht genug, um inkompetent zu sein!“

(Woody Allen in „Schatten und Nebel“, 1991)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 29.10.2019 um 12:59 Uhr (Zitieren)
Alle Laster sind zu etwas gut
Nur der Mann nicht, sagt Baal, der sie tut.
Laster sind was, weiß man was man will.
Sucht euch zwei aus: Eines ist zu viel!

Bertolt Brecht: Baal (Letzte Fassung 1955)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 29.10.2019 um 16:55 Uhr (Zitieren)
Ich, Borderliner

Hallo Claudia,

auf dein unfaires und gemeines Verhalten mir gegenüber in der vorigen Woche möchte ich kurz eingehen, auch wenn es mich im Grunde nicht trifft, weil du mir nämlich am Arsch vorbeigehst. Dass das, was du mit mir gemacht hast, unmöglich war, ist klar, da kannst du auch gerne Brigitte und Thorsten fragen. Die sehen das auch so, beide. Du denkst sicher, dass die mir nur schmeicheln wollen, aber da irrst du dich gewaltig. Das sind echte Freunde, nicht nur so falsche Schlangen wie du eine bist.
Wie du damals gesagt hast, ich hätte den Tisch falsch gedeckt, die Gabel auf die falsche Seite vom Teller gelegt, angeblich, da ist mir das klar geworden. Das habe ich dir nicht vergessen! Immer nimmst du dir irgendeine Kleinigkeit zum Vorwand, meinst aber eigentlich etwas ganz anderes. Schon wie du mich dabei angeschaut hast, habe ich gemerkt, dass du mich bloß fertigmachen willst und du deshalb irgendwas vorschiebst, um mir mal wieder das Gefühl zu geben, dass ich nichts richtig mache und zu nichts tauge.
Es tut mir Leid, wenn ich mal etwas falsch mache, obwohl ich die Gabel gar nicht auf die falsche Seite gelegt habe, denn rechts ist richtig, das Messer muss links. Aber natürlich mache ich manchmal Fehler. Du aber auch! Ich meine nur, dass es dir eigentlich gar nicht darum geht. Du kannst mich einfach nicht leiden, du hältst mich für unsympathisch, deshalb mache in deinen Augen alles falsch. Brigitte und Thorsten, die kennen mich besser, die mögen mich total.
Erinnerst du dich noch, wie du gesagt hast, dass es etwas wärmer sein könnte in der Wohnung? Klar erinnerst du dich. Was für eine hinterhältige Art mir zu sagen, dass ich zu geizig bin, um beim Essen mit Freunden die Heizung hochzudrehen! Aber das ist typisch für dich.
Nicht dass ich nachtragend wäre! Wenn du deine Fehler einsiehst und dich entschuldigst, dann können wir uns gerne wieder vertragen. Du darfst nur nicht glauben, dass ich darauf warte, dazu bist du mir viel zu unwichtig.
Ich bin überhaupt viel lieber allein, ich brauche keine anderen Leute, um mich toll zu fühlen. Ich weiß, daß ich Schwächen habe und nicht so ein Sympathiebolzen bin wie du. Deshalb hast du ja auch viel Erfolg bei anderen Leuten. Es kann halt nicht jeder so liebenswürdig sein wie du. Ich bin oft zu gereizt und empfindlich.
Aber manchmal bist du auch gemein, so wie bei dem Tischdecken. Dann solltest du einfach mal die Größe haben, dich zu entschuldigen.
Bei nächster Gelegenheit. Jetzt will ich erstmal meine Ruhe haben und niemanden sehen. Schon gar nicht dich. Du kommst mir sehr klein vor. Als Mensch, meine ich. Nie zeigst du Gefühle, niemals Wärme. Auf dich kann man sich einfach nicht verlassen!
Das musste ich dir mal sagen.
Barbara

***

Hallo Brigitte,

ich muss dir kurz sagen, dass ich dein Verhalten überhaupt nicht in Ordnung fand, als wir vorige Woche mit Claudia und Thorsten zusammen waren. Es ist mir zwar im Grunde egal, aber ...

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 29.10.2019 um 17:00 Uhr (Zitieren)
"Ich, Borderliner": Wolfgang Weimer, 2017
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 03.11.2019 um 10:40 Uhr (Zitieren)
Gab es diesen Satz, Heraklit zugeschrieben, schon? "Die ohne Verstand hören, gleichen Tauben; die Redensart bezeugt es ihnen: Anwesend sind sie abwesend´" (...phatis autosi marturei: pareontas apeinai. Bei Clemes Alex.)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 03.11.2019 um 13:23 Uhr (Zitieren)
Es gibt hier, leider ziemlich versteckt, eine Suchfunktion (rechts oben bei geöffnetem Thread).


Don't trust what you know.

Von einem Priester empfohlene Klugheitsregel für das Überleben im Widerstand, die er einem Untergrundkämpfer auf den Weg durch die Nacht mitgibt. Ang Hupa (Lav Diaz, Philippinen 2019) - https://www.hollywoodreporter.com/review/halt-review-1212084.



Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 13.11.2019 um 12:57 Uhr (Zitieren)
Eine mäßig intelligente Handlung ihres Mannes kommentiert seine Frau: "Das kommentiere ich jetzt nicht."
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 13.11.2019 um 16:37 Uhr (Zitieren)
Das Auswahlparadoxon: Je mehr Wahlmöglichkeiten, desto schwieriger die Wahl.

[Quelle: Dynamische Wege aus dem Dilemma – Interview mit der Psychologin Katharina Voigt; in: Frankfurter Allgemeine vom 13. November 2019]
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Platon schrieb am 13.11.2019 um 17:22 Uhr (Zitieren)
Besser und unparadox bekannt als:

Wer die Wahl hat, hat die Qual.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 13.11.2019 um 18:05 Uhr (Zitieren)
Wenn man es paradox(er) will: Je mehr Wahlmöglichkeiten (wegen Vielfalt), desto weniger Wahlmöglichkeiten (wegen Qual).
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 14.11.2019 um 00:19 Uhr (Zitieren)
quid velit et possit rerum concordia discors?

(Horaz, epist. I 12, 19)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 14.11.2019 um 12:26 Uhr (Zitieren)
Lebenspraktisches Paradoxon:

Wer weiß (i. S. v.: man wird schon sehen), wozu das Schlechte gut ist!
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 19.11.2019 um 23:05 Uhr (Zitieren)
Fati ista culpa est: nemo fit fato nocens.

[Seneca: Oedipus, V. 1019]
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 24.11.2019 um 23:21 Uhr (Zitieren)
Ich bete zu Gott und entschuldige mich bei ihm dafür, daß ich nicht an ihn glaube.

(Laura Karasek im WDR-Fernsehen am 24. November 2019)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 26.11.2019 um 13:46 Uhr (Zitieren)
Eine Vorliebe für Nahrung, an die eine Spezies eigentlich nicht angepasst ist, kommt im Tierreich so häufig vor, dass es dafür einen eigenen Begriff gibt: Liems Paradoxon. Der 2009 verstorbene Biologe Karl Liem von der Harvard University stieß in den 1980er Jahren im Norden Mexikos auf ein interessantes Phänomen: Der hier vorkommende Buntbarsch Herichthys minckleyi besitzt flache, kieselsteinartige Zähne, die sich hervorragend zum Aufknacken harter Schneckenhäuser eignen. Doch die Süßwas-serfische schwimmen an den Schnecken vorüber, wenn es weichere Nahrung gibt. Warum entwickeln sich in der Evolution Zähne, die auf weniger bevorzugtes, selten verzehrtes Futter spezialisiert sind? Solange diese Spezialisierung den Verzehr weicher Nahrung nicht behindert, stehen damit bei Bedarf mehr Möglichkeiten offen. Das Paradoxon besteht also weniger darin, dass ein Tier die Nahrung meidet, an die es angepasst ist, sondern dass eine spezialisierte Anatomie mit einer generalisierten Ernährung einhergehen kann.

(Quelle: Die wahre Steinzeitdiät; in: Spektrum der Wissenschaft 12.19, S. 37)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 28.11.2019 um 16:14 Uhr (Zitieren)
Ein Kurznachrichten-Wechsel zweier Vetter, Jacob und Tamir Bloch:
Was hat sich verändert?

Alles. Nichts.

Verstehe.

Wir sind nun mal, wer wir sind.
Dieses Eingeständnis stellt
die Veränderung dar.

Daran arbeite ich auch.

(Jonathan Safran Foer: Hier bin ich. Köln 2016, S. 654(
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 30.11.2019 um 13:53 Uhr (Zitieren)
Das gehört auch noch hier hinein:
τὸ κινούμενον οὔτ‘ ἐν ᾧ ἔστι τόπῳ κινεῖται οὔτ‘ ἐν ᾧ μὴ ἔστι.

Das sich Bewegende bewegt sich weder an dem Ort, an dem es ist, noch an dem, an dem es nicht ist.

(Zenon gem. Diogenes Laërtios IX 72)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 30.11.2019 um 14:44 Uhr (Zitieren)
Frauenfeindlich bin ich nicht. Das würde mir meine Frau auch gar nicht erlauben.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 04.12.2019 um 16:28 Uhr (Zitieren)
Ich bin der bekannteste unbekannte Schriftsteller der Welt.

(Ambrose Bierce)

I’m in the very first row of second class writers.

(W. Somerset Maugham)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Gast schrieb am 04.12.2019 um 18:36 Uhr (Zitieren)
bekannteste unbekannte Schriftsteller

Oxymoron, kein Paradoxon?
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 05.12.2019 um 16:30 Uhr (Zitieren)
Was ist denn da der Unterschied?
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 06.12.2019 um 18:31 Uhr (Zitieren)
Eine Busfahrerin im Streitgespräch mit einem weiblichen Fahrgast, der seinen Fahrschein nicht ohne weiteres vorzeigen wollte und extrem laut diskutierte:
Die Fahrerin: „Schreien Sie mich nicht so an!“
Die Frau: „Ich bin taub.“

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 07.01.2020 um 10:52 Uhr (Zitieren)
πᾶσαν μὲν οὖν φαντασίαν οὐκ ἂν εἴποι τις ἀληθὴ διὰ τὴν περιτροπήν, καθὼς ὅ τε Δημόκριτος καὶ ὁ Πλάτων ἀντιλέγοντες τῶι Πρωταγόραι ἐδίδασκον. εἰ γὰρ πᾶσα φαντασία ἐστὶν ἀληθής, καὶ τὸ μὴ πᾶσαν φαντασίαν εἶναι ἀληθῆ κατὰ φαντασίαν ὑφιστάμενον ἔσται ἀληθές, καὶ οὕτω τὸ πᾶσαν φαντασίαν εἶναι ἀληθῆ γενήσεται ψεῦδος.

Man kann nicht behaupten, daß jede Vorstellung wahr sei - weil sich der Satz umkehren läßt, wie Demokrit und Platon im Widerspruch gegen Protagoras gezeigt haben. Denn wenn jede Vorstellung wahr ist, dann ist auch der Satz, daß nicht jede Vorstellung wahr ist, wenn man sich seinen Inhalt vorstellt, wahr; und so wird der Satz, daß jede Vorstellung wahr ist, falsch.

[Überliefert von Sextus Empiricus VII 389; gr. Diels 55, 114; dt. Capelle 440, 122]
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 07.01.2020 um 10:52 Uhr (Zitieren)
Ich verspreche dir X [z.B.: dich zu besuchen], aber ich kann dir nicht sagen, ob ich dieses Versprechen auch halten werde.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 07.01.2020 um 10:53 Uhr (Zitieren)
Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

[Jahreslosung der Evangelischen Kirche Deutschlands für 2020]
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 12.01.2020 um 03:07 Uhr (Zitieren)
Auf einem Spaziergang entdeckte ich neulich eine in die schwarz gestrichene Außenmauer einer Bar eingelassene chromglänzende Türklingel, darunter eine Plakette mit der Aufschrift: "This doorbell is only here to remind you to keep quiet while being outside. Never ring it." Die paradoxe Intervention gilt offensichtlich den vom Gesetz vor die Tür verbannten Rauchern, die sich nächtens dort versammeln.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 12.01.2020 um 03:14 Uhr (Zitieren)
Er hat die herzlosen Augen eines über alles Geliebten.

Elias Canetti (Die Provinz des Menschen, 1942) Geliehen unter anderem von Alexander Kluge.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικίσκος schrieb am 12.01.2020 um 18:47 Uhr (Zitieren)
ars est artem celare.

(mittelalterlichen Ursprungs)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 12.01.2020 um 19:48 Uhr (Zitieren)
Die Grammatik der Untoten

Heute ist Diner bei Flaubert: Théo [i.e.Théophile Gautier], Turgenjew und ich. [...] Théo, der, eine Hand auf seinem schmerzenden Herzen, mit leerem Blick und das Gesicht weiß wie die Maske eines Pierrots, die Treppe hinaufgestiegen ist, abwesend, stumm, taub, ißt und trinkt mechanisch, so wie man sich einen bleichen Schlafwandler vorstellt, der im Mondschein diniert ... Er hat schon etwas von einem Sterbenden, der kaum mehr erwacht und seinem traurigen und beschränkten Selbst nur entkommt, wenn er von Gedichten und Poesie sprechen hört. [...] Als wir uns vom Tisch erheben, läßt sich Gautier auf einen Diwan fallen und sagt: "Im Grunde interessiert mich nichts mehr, mir scheint, ich gehöre nicht mehr in diese Zeit. Ich bin gerne bereit, in der dritten Person von mir zu sprechen mit den Aoristen der zweiten Praeteriti [im Original unnachahmlich: avec les aoristes des prétérits trépassés] ... Mir ist, als wäre ich bereits gestorben!

Tagebuch der Gebrüder Goncourt, 2. März 1872
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
mitleser schrieb am 14.01.2020 um 20:44 Uhr (Zitieren)
Werte gewinnen an Wert, wenn sie an Wert verlieren.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 25.01.2020 um 16:38 Uhr (Zitieren)
Der Syrer Mustafa Khalifa wird in Syrien unter dem Vorwurf verhaftet, er sei Mitglied einer illegalen Organisation. Bei der Einlieferung ins Gefängnis wird Khalifa mit verbundenen Augen einer Bastonade unterzogen. Dabei kommt es zu folgendem Dialog:
„Bei Gott, beim Leben des Herrn, ich weiß nicht, wonach Sie fragen! Von welcher Organisation reden Sie?“
[...]
„Die Organisation der Schwuchteln wie du eine bist. Die Organisation der Muslimbrüder ... Kennst du deine Organisation etwa nicht?“
[...]
„Aber ich bin Christ, Sīdi ... ich bin Christ!“
„Was sagst du, du Hurensohn? Du bist Christ? Verdammte Scheiße ... Warum hast du das nicht vorher gesagt? Warum haben sie dich dann hergebracht? Du hast bestimmt ein ganz großes Ding gedreht! Ein Christ, sagt er?!“
„Sie haben mich ja gar nicht danach gefragt, Sīdi. Aber nicht nur das, ich bin nicht nur Christ, ich bin sogar Atheist ... ich glaube nicht an Gott!“
Bis jetzt habe ich keiner Erklärung für diesen Unsinn. Warum hatte ich diesem Ermittler gegenüber erklärt, ich sei Atheist? Ich weiß es nicht.1)
„Und Atheist sogar?!“ sagte er nachdenklich.
„Ja, wirklich. Bei Gott! Sehen Sie doch in meinem Reisepaß nach!“
Der Rotgesichtige schwieg eine Weile, die mir sehr lange vorkam. Ich hörte, wie sich seine Schritte entfernten. Dann sagte er deutlich:
„Atheist, sagt der! Also so was! Aber wir sind doch ein islamischer Staat! Ayyub ... mach weiter!“
Und damit setzte Ayyubs Rohrstock seine Arbeit fort.

[Mustafa Khalifa: Das Schneckenhaus. Bonn 2019, S. 14-16)[/i]

1) Mustafa Khalifa ist Atheist; aber es erweist sich in der Folgezeit seiner dreizehnjährigen Haft als katastrophaler Fehler, das in einem islamischen Land offen gesagt zu haben – sogar im Gefängnis eines islamischen Landes

Vgl. auch:
Five years after the Good Friday Agreement (GFA), I was in Belfast again for work. This time there was no border, no indignity and no fear.
Hearing my Dublin accent, a man in his sixties asked, “Are you Catholic or Protestant?”
“Neither, I’m atheist!” I said triumphantly.
“Yes, but are you a Catholic atheist or a Protestant atheist?”
Religion in Northern Ireland is like the Hotel California, I was told. You can check out, but you can never leave.


(Tess Finch-Lees: Anyone who thinks Brexit won’t bring back violence to Ireland doesn’t understand the Good Friday Agreement. The Independent, Tuesday 10 April 2018 - tinyurl.com/y9hazyr9
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 26.01.2020 um 00:43 Uhr (Zitieren)
"Hotel California" ist ein Song von den Eagles, auf den hier angespielt wird.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 26.01.2020 um 12:32 Uhr (Zitieren)
STANDARD: Unter Ihren damaligen Bandkollegen gab es auch IM-Stasi-Spitzel (IM: Inoffizieller Mitarbeiter, Anm.). Sind Sie nicht wütend auf den repressiven Überwachungsstaat DDR?

Flake: Auf IM-Spitzel in den Bands bin ich nicht wütend. Denn die haben durch ihren IM-Status oft erst ermöglicht, dass die Bands überhaupt existieren konnten. Die Stasi hat ja nicht ihre eigenen Leute eingesperrt. Bestes Beispiel dafür ist die DDR-Band Die Firma. Die wurde von IM-Spitzeln gegründet. Der Gag bestand darin, dass "Die Firma" eigentlich ein Synonym für "Stasi" war. Von der Stasi gedeckt, haben die dann staatsfeindliche Texte gesungen. Fast schon wieder genial.

Aus einem Interview mit dem Rammstein-Keyboarder Flake in: Der Standard, 26. Jänner 2020
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 09.02.2020 um 14:20 Uhr (Zitieren)
Eine neue, in sich geschlossene Kultur bildete sich heraus, eine Kultur der Kopie ohne Original. [...] Das Original lügt. Diese Hauptidee der neuen Kunst besaß eine tiefere Grundlage, die aber verborgen blieb. [...] Wir sind die, denen wir ähneln. Ist es etwa so schwer, den Anschein zu erwecken, du wärest wohlhabend und gesund? Viel leichter, als tatsächlich Geld zu verdienen und tatsächlich gesund zu werden.

(Olga Slawnikowa: 2017. Berlin 2016, S. 208-210(
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 09.02.2020 um 17:53 Uhr (Zitieren)
Das Paradox des Lauten: Jeder, der brüllt, will auffallen, um gehört zu werden. Aber wenn alle brüllen, fällt niemand mehr auf, wird niemand mehr gehört.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 09.02.2020 um 18:17 Uhr (Zitieren)
Wir sind die, denen wir ähneln. Ist es etwa so schwer, den Anschein zu erwecken, du wärest wohlhabend und gesund? Viel leichter, als tatsächlich Geld zu verdienen und tatsächlich gesund zu werden.


Dazu passt die in gewisser Weise die Maxime unserer Tage "Fake it till you make it" - man soll also nicht bei der bloßen Vortäuschung stehenbleiben, sondern, indem man zunächst so tut als ob, sich langsam in das verwandeln, was man werden möchte. Wer z.B. kein Geld hat, so die Idee, es aber versteht, sich wie ein Reicher zu geben, kann eben dadurch Reichtum erlangen, indem sich ihm - des Matthäuseffekts wegen etwa - neue Einkommensquellen erschließen.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 19.03.2020 um 00:22 Uhr (Zitieren)
Die Empfehlung zur Krise um das Corona-Virus, ausgesprochen am 18. März 2020: eng beieinander stehen, indem wir Abstand voneinander halten.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 03.04.2020 um 13:59 Uhr (Zitieren)
Der fünfzehnjährige, hochintelligente Andreas Wolf ist von seinem Vater, einem Staatssekretär und Mitglied des ZK der SED in der DDR, wegen exzessiven Onanierens zum Psychiater geschickt worden.
[...] Dr. Gnel fragte ihn, ob er wisse, warum sein Vater ihn hergeschickt habe.
„Er ist vernünftig und auf der Hut“, sagte Andreas. „Wenn ich mich als Sexualstraftäter entpuppen sollte, wird in den Akten stehen, dass er etwas unternommen hat.“
„Du selbst siehst also keinen Grund, warum du hier sein solltest?“
„Ich wäre wesentlich lieber zu Hause, um zu onanieren.“
Dr. Gnel nickte und kritzelte etwas auf seinen Notizblock.
„Das war ein Witz“, sagte Andreas.
„Worüber wir Witze machen, kann aufschlussreich sein.“
Andreas seufzte. „Können wir gleich mal festhalten, dass ich viel intelligenter bin als Sie? Mein Witz war nicht aufschlussreich. Er bestand darin, dass Sie ihn für aufschlussreich halten würden.“
„Aber das ist an sich schon aufschlussreich, meinst du nicht?“
„Nur weil ich es darauf angelegt habe.“
[...]

(Jonathan Franzen: Unschuld. Reinbek bei Hamburg 2015, S. 176)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 03.04.2020 um 14:01 Uhr (Zitieren)
Dummheit hielt sich für Intelligenz, während Intelligenz ihre eigene Dummheit durchschaute. Ein interessantes Paradox.

(Jonathan Franzen: Unschuld. Reinbek bei Hamburg 2015, S. 204)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
mitleser schrieb am 03.04.2020 um 15:08 Uhr (Zitieren)
Wenn man sich die Hände zuoft nass macht, trocknen sie aus.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 09.04.2020 um 22:59 Uhr (Zitieren)
Erdmännchenweibchen
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 10.05.2020 um 15:50 Uhr (Zitieren)
2015: „Macht die Grenzen dicht!“
2016: „Macht die Grenzen dicht!“
2017: „Macht die Grenzen dicht!“
2018: „Macht die Grenzen dicht!“
2019: „Macht die Grenzen dicht!“
2020: „Alter, wieso sind die Grenzen dicht? Ich will in Urlaub fahren!“

(Sarah Bosetti)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 14.05.2020 um 18:41 Uhr (Zitieren)
das kleine Öfchen ist groß [magna est fornacula]

(Juvenal: Satiren X 82)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 15.05.2020 um 15:54 Uhr (Zitieren)
Karikatur in der SZ, Ehepaar vorm Fernseher, er sagt:"Ist doch egal, ob er die Wahrheit sagt, kommt doch bloß darauf an, dass er Recht hat."
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 15.05.2020 um 16:43 Uhr (Zitieren)
Schön. Da ich Paradoxien sammle: Kannst Du mir den Tag der SZ-Ausgabe nennen?
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
mitleser schrieb am 19.05.2020 um 17:08 Uhr (Zitieren)
Mein Sohn drückte mit drei Jahren einmal eine komplette Tube Zahnpasta auf dem Boden aus. Als ich entsetzt aufschrie: "Du machst ja alles schmutzig!", sah er mich mit großen Augen an: "Zahnpasta macht sauber!"

cf: https://www.zeit.de/zeit-magazin/2020-05/aufraeumen-kinder-erwachsene-ordnung-chaos-karlsson

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 21.05.2020 um 18:15 Uhr (Zitieren)
Danke, auch für die Angabe der Fundstelle.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 22.05.2020 um 14:58 Uhr (Zitieren)
Das Element des Nichtkönnens in der Ausübung höchsten Könnens unterscheidet den Sportler grundsätzlich vom Artisten. Der Artist ist ein Virtuose dessen, was er kann; er führt sein Können vor. Der Sportler hingegen ist ein Virtuose dessen, was er nicht kann. Er zelebriert sein Unvermögen.
Das Schauspiel, das sich dabei für den Betrachter bietet, und das Vergnügen , das der Zuschauer an diesem Schauspiel hat, sind ganz wesentlich an die Lust (und natürlich das Leid) gebunden , die die Sportlerinnen und Sportler bei ihrer riskanten Zurschaustellung erfahren.

Martin Seel: Ethisch-ästhetische Studien. Suhrkamp (Frankfurt am Main) 1996, S. 197


Das bringt mich zur Frage, ob das der Antike grundsätzlich fremd ist, schlechterdings modern: Nicht nur über andere siegen, sondern sich am Unmöglichen versuchen, an die Grenzen des Leistungsvermögens gehen und sie immer weiter verschieben als Schauspiel. Das erklärte auch das relative Desinteresse der alten Welt an Rekorden, die ja in dieser Perspektive ein universales Vergleichsmaß für diese Virtuosität des Unvermögens darstellen, während die Gegenwart ein hochtechnisiertes Spektakel daraus macht, z.B. den Marathon unter zwei Stunden zu laufen. Gegen die Uhr oder den eigenen Körper ist in der Antike niemand angetreten.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 22.05.2020 um 15:38 Uhr (Zitieren)
So ganz fremd scheint mir das Sich-Versuchen am Unmöglichen in der Antike nicht zu sein. Ich gebe einige spontane Gedanken dazu:

1. Viele dieser schier unmöglichen physischen Leistungen hat man auf die Heroen (Halbgötter) projiziert, was immerhin eine Freude daran indiziert.
2. Die sportliche Disziplin des Marathonlaufes bezieht sich ja immerhin auf ein historisches Ereignis, auch wenn es etwas verwirrend überliefert ist.
3. Es gab zudem den Berufsstand der Schnell- oder Tagesläufer (Hemerodromoi), und die werden ihren Ehrgeiz und ihren Preis gehabt haben, der sich nach ihren Fähigkeiten richtete.
4. Im Hellenismus erkenne ich eine Sucht des Immer-Größer, Immer-Höher (bei Schiffen, Schlachttürmen etc.), die sich am scheinbar Unmöglichen erprobt (Fünfzehnruderer). Auch Schnellsegler gab es.
5. Der Versuch des Tiberius, von Pannonien aus seinen in Germanien sterbenden Bruder Drusus noch lebend zu erreichen, galt schon in der Antike als Rekord an Schnelligkeit in der Bewegung, wurde entsprechend erwähnt und bestaunt. Die Uhr, gegen die Tiberius ritt, war in diesem Falle die Lebensuhr des Drusus.
6. Zu untersuchen wäre, inwieweit die Gladiatorenkämpfe mit ihren immer neuen, einander überbietenden Attraktionen (ich sage einmal, ohne diesen Programmpunkt konkret belegen zu können: Frau gegen Elephant), für eine Attraktivität von Steigerungen ins kaum Faßliche sprechen.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 22.05.2020 um 18:11 Uhr (Zitieren)
7. Vor allem in der Spätantike kam der Kult des Herakles stark in Mode, des Meisters schier unmöglicher Taten. Kaiser Commodus hat sich als Herakles darstellen lassen und soll in diesem Kostüm gar im Colosseum aufgetreten sein. Bestimmt hat er dabei Rekordtaten vollbracht, auch wenn es nur Show war.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 23.05.2020 um 13:03 Uhr (Zitieren)
Die Projektion unglaublicher Leistungen auf Heroen und sonstiges mythologisches Personal macht daraus aber noch kein Schauspiel der Virtuosität des Unvermögens. Mögen die Tagesläufer untereinander ihre kleinen, informellen Wettkämpfe, die sich an Rekorden orientierten, gehabt haben (gibt es dazu Stellen in der Literatur?), sie blieben eingespannt in ihre Tätigkeit und die war nicht die Darbietung ihres Versuchs am Unmöglichen. Citius, altius, fortius stammt auch nicht aus der Antike, sondern von einem Dominikanerpater der vorletzten Jahrhundertwende. Der moderne Marathonlauf überbringt keine andere Nachricht mehr als die von der Grenze des Leistungs(un)vermögens des menschlichen Körpers (wofür sogar ganze Straßenzüge neue asphaltiert werden).
Einzig bei den Gladiatoren könnte man vielleicht von einem exzedierenden Theater des ultimativen Scheiterns, für das eine Gesellschaft in die Arenen strömt und bereit ist, erhebliche Investitionen (Bauten, Ausbildung, Personal) zu tätigen, sprechen. Aber das ist vielleicht wieder nur eine neuzeitliche Projektion, ähnlich wie Camus' berühmte Neubewertung des zur unermüdlichen Arbeit am Scheitern verurteilten Sisyphos, die am Ende gleichsam alpinistische Züge annimmt: "Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 24.05.2020 um 13:51 Uhr (Zitieren)
In einem Artikel der Rubrik Lifestyle über einen der letzten Kupferstecher Europas, der in einer aus der Zeit gefallenen Werkstatt ohne Internetanschluss mit Grabstichel, Pantograph und Handdruckpresse seiner Berufung nachgeht, erwähnt der Verfasser beiläufig, dass er von der Schönheit der Erzeugnisse betört, sich habe hundert Visitenkarten machen lassen. Gerade die hohe Qualität (nicht unbedingt der angemessene Preis) der Arbeit hindere ihn aber, sie ihrer Bestimmung gemäß unter die Leute zu bringen, keine einzige habe er noch überreicht. Es wäre zu schade, so liegen sie wohlverwahrt in einer edlen Schachtel.

Besitzen nicht viele Menschen solche Gebrauchsdinge oder Werkzeuge, die paradoxerweise gerade durch die Qualität ihrer Ausführung ihre Nutzung hemmen und sie zu Gegenständen der bloßen Betrachtung an der Grenze zu Kunstwerken machen?



Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 24.05.2020 um 14:01 Uhr (Zitieren)
Protect me from what I want.

Text einer 1982 von der Konzeptkünstlerin Jenny Holzer in riesiger Leuchtschrift über dem Times Square projizierten Arbeit.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 24.05.2020 um 18:46 Uhr (Zitieren)
Zur Kursivschrift: Wenn doch der Webmaster, statt nur täglich das Lateinforum zu entmüllen, wenigstens einmal pro Woche hier vorbeischauen würde und nach dem Rechten sähe!

***

Wenn ich mir Gegenstände zum Zwecke ihres Gebrauchs kaufe und sie dann für zu kostbar halte, um sie zu gebrauchen, dann sind das unbrauchbare (wenngleich nicht defekte) Gebrauchsgegenstände - das hat etwas Paradoxes.

Wenn ich eine zum Lesen geschriebene Buchrolle der Ilias bekäme, läse ich sie auf keinen Fall; aber ich hätte sie auch nicht zu diesem Zwecke erworben, sondern nur als Wertgegenstand. Das ist nicht paradox.

Wenn ich auf einer Auktion einen Denar aus der Zeit des Kaisers Tiberius ersteigere, der doch zum Bezahlen gedacht war, dann bezahle ich damit nichts, sondern lege ihn in eine Schatulle. Auch dies ist nicht paradox.

Es hängt also nicht davon ab, zu welchem Zweck das Objekt geschaffen wurde, sondern davon, zu welchem Zweck es erworben wird.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 24.05.2020 um 20:10 Uhr (Zitieren)
Ja, das Desinteresse an dieser Agora ist ärgerlich. Aber hat der Schattenadministrator von nebenab überhaupt die technische Möglichkeit hier einzugreifen?

***

Jein, ich denke nicht, dass sich die Paradoxie ganz auf die Ebene der Intentionen des Erwerbs verlegen lässt. Das paradoxe Hemmnis läge in dem speziellen Fall ja in der optimalen Gestaltung für den Verwendungszweck des Gegenstandes, die eine lähmende Schönheit jenseits eines Surplus an Design erzeugt, welches Hemmnis man in der Tat nur erfährt, wenn es in der Absicht, es wirklich zu nutzen, angeschafft wurde und nicht schon als Sammlerobjekt oder dergleichen. Ich schlösse aus dieser Paradoxie jedoch umgekehrt Fälle aus, wo davon unabhängig der hohe Anschaffungspreis etwa alleinige Ursache der absichtswidrigen Nichtnutzung wäre.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 25.05.2020 um 18:12 Uhr (Zitieren)
Kant konnte nicht umhin, nach 20 Jahren Dienst seinen diebischen Kammerdiener Lampe zu entlassen. Das schmerzte ihn sehr, darum beschloss er, Lampe gänzlich zu vergessen. Um sich stets an diese Entscheidung zu erinnern, notierte er sich den Imperativ: "Lampe muss vergessen werden."
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 26.05.2020 um 12:26 Uhr (Zitieren)
Ich habe eigens die Suchfunktion bemüht - das hatten wir tatsächlich noch nicht, in keinem der beiden Threads.
Die Ankedote ist natürlich sehr schön. Ob Kant der Witz daran bewußt war?
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 26.05.2020 um 17:24 Uhr (Zitieren)
Es gibt einen Typus von Paradoxien durch zirkuläre Voraussetzungen. Das bekannteste Beispiel dürfte das aus dem „Hauptmann von Köpenick“ stammen (oder sogar aus der Behördenpraxis): Um eine Wohnung zu bekommen, muß man einen Arbeitsplatz nachweisen; um einen Arbeitsplatz zu bekommen, muß man eine Wohnung nachweisen.

Von dieser Art habe ich nun zwei Fälle erlebt:
• Im Zuge der Corona-Bekämpfung werden hier auf dem Lande keine Fahrscheine mehr im Bus verkauft. Fahrscheine kann man online kaufen oder – und jetzt folgt für diejenigen, die kein Smartphone bzw. nicht die App dazu besitzen, die Paradoxie – im Vorverkauf. Um mit dem Bus fahren zu dürfen, muß man im Vorverkauf einen Fahrschein erwerben. Um zur nächsten Vorverkaufsstelle zu kommen, muß man mit dem Bus fahren.
• Eine Bekannte wohnt im Elsaß und arbeitet in Baden. Nach der Grenzschließung, ebenfalls dank Corona-Maßnahmen, durfte sie von ihrer Wohnung nur noch mit der Bescheinigung ihres deutschen Arbeitgebers (systemrelevante Tätigkeit) nach Baden zu ihrer Arbeitsstelle einreisen; um aber die Bescheinigung zu bekommen, mußte sie nach Baden zu ihrer Arbeitsstelle reisen.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 26.05.2020 um 18:10 Uhr (Zitieren)
Noch zu Kant & Lampe:
Man muß bedenken, daß Kant um diese Zeit bereits dement war. Alle Details der Geschichte (das Hängen am Gewohnten, die Anrede des neuen Dieners mit dem Namen des alten, der Zettel) sind typisch für demente Menschen.

Es ist sehr traurig, wenn man in Kants "Opus postumum" oft merkt, daß er am Ende eines Satzes bereits nicht mehr weiß, wie er ihn grammatisch begonnen hat.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 03.06.2020 um 23:13 Uhr (Zitieren)
Der Autor hat ein langes Buch verfasst, für ein kurzes fehlte ihm die Zeit.

M. Reich-Ranicki (angeblich)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 04.06.2020 um 00:07 Uhr (Zitieren)
Das klingt nach einer Äußerung Goethes:
Entschuldige die Länge des Briefes, ich hatte keine Zeit, mich kurz zu fassen.

Ich kann's allerdings nicht beschwören.
Daß MRR es gekannt & übernommen hat, wäre ihm zuzutrauen.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 04.06.2020 um 00:08 Uhr (Zitieren)
Vive la mort!

(Graffito, in "French Connection II" kurz zu sehen)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 04.06.2020 um 01:13 Uhr (Zitieren)
Entschuldige die Länge des Briefes, ich hatte keine Zeit, mich kurz zu fassen.


Laut http://falschzitate.blogspot.com/2017/11/lieber-freund-entschuldige-meinen.html findet sich das Zitat weder bei Voltaire noch bei Goethe, Frau von Stein, Mark Twain oder Churchill, allesamt Kandidaten der letzten 20 Jahre, wohl aber ein sehr ähnliches bei Blaise Pascal im XVI. Brief der Lettres provinciales:

Je n’ai fait celle-ci (i.e. ma lettre) plus longue que parce que je n’ai pas eu le loisir de la faire plus courte.

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 04.06.2020 um 01:13 Uhr (Zitieren)
Das verweist auf den kruden nekrophilen Schlachtruf der spanischen faschistischen Falange: "Muera la inteligencia, viva la muerte."
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 04.06.2020 um 01:42 Uhr (Zitieren)
Vive la mort!


Bei Baudelaire kommt das auch irgendwo vor. Es wunderte mich nicht, wenn das Publikum der Hinrichtungen zu Zeiten von La Terreur den Spruch als Gegenstück zur obsolet gewordenen Heroldsformel "Le roi est mort, vive le roi!" geprägt hätte, ist doch der Tod da der neue absolute Herrscher. In der in der Revolution angesiedelten Oper Andrea Chénier von Umberto Giordano eignet sich das Paar auf dem Weg zum Schafott die Formel als Schlusswort schließlich wieder an: Viva la morte insiem!
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 04.06.2020 um 12:53 Uhr (Zitieren)
Es hätte mich gewundert, wenn "Vive la mort" für ein Filmset kreiert worden wäre.
Danke für Eure Angaben zu den Hintergründen.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
mitleser schrieb am 05.06.2020 um 20:24 Uhr (Zitieren)
Interessant ist auch, wenn Beschlüsse das Gegenteil dessen bewirken, was sie eigentlich bewirken sollen.
Zwei Beispiele:

1.) Um mehr Sicherheit zu gewähren, soll man oft seine Passwörter wechseln. Wenn man aber oft seine Passwörter wechselt, wählt man einfachere Passwörter, um nicht durcheinander zu kommen und sie sich leichter merken zu können.

2.) Eine Linie zwischen Straße und Fahrradweg soll beide Straßen voneinander trennen und den Fahrradfahrern Sicherheit bieten. Untersuchungen haben aber ergeben, dass Autos näher an die Fahrradfahrer fahren, wenn es eine Linie gibt, als wenn es keine Linie gibt.

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 06.06.2020 um 11:29 Uhr (Zitieren)
Die Paradoxie von Sicherheitsmaßnahmen kann man das wohl nennen.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 07.06.2020 um 14:56 Uhr (Zitieren)
Windows beendet man über Start, dann über Ein/Aus, obwohl man an dieser Stelle gar nicht einschalten kann, sofern der Computer nicht bereits eingeschaltet ist.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 25.07.2020 um 14:12 Uhr (Zitieren)
Ein Fünfjähriger ist nicht begeistert, das letzte Eis mit seinem kleinen Bruder zu teilen. Mit Argusaugen über-wacht er die Handlung seiner Mutter. Das Messer in der ei-nen, das Eis in der anderen Hand und neben ihr das Söhnchen ...
Leicht gereizt spricht so die Mutter zum Kind: „Ich teile das genau in der Mitte und du bekommst das größere Stück.“
Das Kind war einverstanden.

(Quelle: Stelzie; https://www.keinverlag.de/438953.text, aufgerufen am 10. Juli 2020)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 15.08.2020 um 22:42 Uhr (Zitieren)
Mit der Einführung der Kinderbeichte ab dem 7. Lebensjahr zu Beginn des 20. Jhdts entsteht ein mir in einigen persönlichen Erinnerungen begegnetes Paradoxon: Das von der Situation überforderte Kind, das nicht weiß, was es beichten soll, oder seine tatsächlichen Verfehlungen für so gering achtet, dass es Gefahr zu laufen glaubt, für unaufrichtig gehalten zu werden, belügt den Beichtvater (im kindlichen Verständnis augustinischer Strenge allemal eine schwere Sünde) und erfindet Beichtwürdiges, d.h. in dieser Innenperspektive des Beichtkindes wird eine Verfehlung begangen, um Vergebung zu erlangen für Schuld, die man gar nicht auf sich geladen hat, während diese tatsächliche Verfehlung selbst unerwähnt und unvergeben bleibt.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 15.08.2020 um 23:25 Uhr (Zitieren)
Das ist gut analysiert! Den Sachverhalt kenne ich aus eigenem Erleben, wobei sich das Problem nicht daraus ergab, daß ich als Kind keine "Sünden" begangen hätte, sondern daß wir die 10 Gebote entlang beichten mußten, was eine Reflexion und Angabe zu jedem Gebot erforderte.
4. Gebot: das war mit einem Streit zuhause leicht erledigt. Fürs 5. Gebot reichten feindselige Gedanken gegenüber irgendjemandem. Aber zum 6. Gebot hätte ich damals aufrichtigerweise nichts zu sagen gehabt. Da habe ich dann "unkeusche Gedanken" gestanden, ohne zu wissen, worum es sich da eigentlich handelte.

Daß der Kaplan, bei dem ich beichtete, sich später als pädophil erwies, machte - im Nachhinein - die Angelegenheit noch skurriler. Ich hoffe, er hatte einen guten Beichtvater.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Aurora schrieb am 16.08.2020 um 07:00 Uhr (Zitieren)
In den so genannten Beichtspiegeln, die auswendig
gelernt werden mussten, fand sich zu meiner Zeit
auch das Delikt "Ich habe genascht".

Ganz amüsant sind modernere Beichthilfen z.B.
diese:
https://www.roemische-messe-regensburg.de/JugendmitGott/pdf/beichtspiegel.pdf

Man achte auf die Formulierungen etwa beim
6. Gebot.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 16.08.2020 um 18:03 Uhr (Zitieren)
Ja, auf dem Niveau von "ich habe genascht" befand sich das in der Kinderversion. Genau, Beichtspiegel, so hieß das. Da man vor der Erstkommunion beichten mußte, war man halt noch ein Kind.

Danke für den Link.
Wenn wir sagen, dass wir keine Sünden haben, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Bekennen wir unsere Sünden, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden erlasse und uns rein mache von allem Unrecht.

So haben wir denn eine weitere Paradoxie: Zu sagen: "Ich bin kein Sünder" ist sündhaft.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 19.08.2020 um 22:59 Uhr (Zitieren)
Luxus für alle.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 19.08.2020 um 23:32 Uhr (Zitieren)
Kontemplation verlangt Zerstreuung.

Martin Seel: Theorien. Nr.6. S. Fischer, 2009.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 24.08.2020 um 21:07 Uhr (Zitieren)
Wir kommen mit der Wahrheit oft in eine so sonderbare Lage, wie Nero, der dem hundert Drachmen versprach, der ihm die reine Wahrheit sagen würde. „Du gibst mir keine hundert Drachmen“, sagte einer. Gab sie ihm nun Nero, so hatte dieser ihm keine Wahrheit gesagt und gab er sie ihm nicht, so hielt er nicht Wort ...

(Karl Julius Weber: Und so verzeiht mein spöttisch Maul. [Demokritos oder Hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen] Auswahl in 2 Bdn., hrsg. v. Jürgen Rauser. Schwäbisch Hall 1966; Bd. 1, S. 243)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Andreas schrieb am 25.08.2020 um 14:37 Uhr (Zitieren)
Das erinnert an den den Sophismus des Euathlos.

https://de.wikipedia.org/wiki/Euathlos
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 25.08.2020 um 15:04 Uhr (Zitieren)
Den Euathlos hatten wir hier schonmal; ich glaube, das war sogar die allererste Paradoxie, die ich hier vorgestellt habe.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 25.08.2020 um 15:05 Uhr (Zitieren)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 27.08.2020 um 15:16 Uhr (Zitieren)
[quote]O glaubt mir doch, ihr meine lieben Brüder,
Ein Dunst, ein Traum ist unser Lebenslauf,
Gesund und frisch legt ihr euch abends nieder,
und mausetot – steht ihr am Morgen auf!](quote]
(Quelle: Pater Pfeffel; zitiert nach Karl Julius Weber: Demokritos oder Hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen. Hrsg. v. Wolfgang Ronner. München 1966, S. 330)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 27.08.2020 um 15:16 Uhr (Zitieren)
O glaubt mir doch, ihr meine lieben Brüder,
Ein Dunst, ein Traum ist unser Lebenslauf,
Gesund und frisch legt ihr euch abends nieder,
und mausetot – steht ihr am Morgen auf!

(Quelle: Pater Pfeffel; zitiert nach Karl Julius Weber: Demokritos oder Hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen. Hrsg. v. Wolfgang Ronner. München 1966, S. 330)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 28.08.2020 um 15:07 Uhr (Zitieren)
Kurz vor der Revolution war es bei der feinen Welt beinahe lächerlich, an Gott zu glauben; selbst Damen freigeisterten à la Voltaire, und eine Zofe schwur bei Gott, eine – Atheistin zu sein.

Karl Julius Weber: Und so verzeiht mein spöttisch Maul. [Demokritos oder Hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen] Auswahl in 2 Bdn., hrsg. v. Jürgen Rauser. Schwäbisch Hall 1966; Bd. 2, S. 135)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 29.08.2020 um 15:18 Uhr (Zitieren)
Politik ist die Kunst, Gott so zu dienen, daß der Teufel darüber nicht böse wird.

(Napoleon Bonaparte; zitiert nach Karl Julius Weber: Und so verzeiht mein spöttisch Maul. [Demokritos oder Hinterlassene Papiere eines la-chenden Philosophen] Auswahl in 2 Bdn., hrsg. v. Jürgen Rauser. Schwäbisch Hall 1966; Bd. 2, S. 151)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 20.09.2020 um 20:32 Uhr (Zitieren)
Galgen mit Blitzableiter.

Georg Christoph Lichtenberg: Sudelbücher I, Heft L 550 (Promies)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
mitleser schrieb am 21.09.2020 um 18:40 Uhr (Zitieren)
Woran man einen Dummkopf erkennt?
Er weiß alles

Harald Schmid (*1946), Aphoristiker

PS: Irgendeiner bedient sich meines frei verfügbaren Nicknames...
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 23.09.2020 um 13:44 Uhr (Zitieren)
Sich verzeihliche Fehler erlauben:

denn eine Nachlässigkeit ist zu Zeiten die größte Empfehlung der Talente. Der Neid übt einen niederträchtigen, frevelhaften Ostracismus aus. Dem ganz Vollkommnen wird er es zum Fehler anrechnen, daß es keine Fehler hat, und wird es als ganz vollkommen ganz verurtheilen. Er wird zum Argus, um am Vortrefflichen Makel zu suchen, wenn auch nur zum Trost. Der Tadel trifft, wie der Blitz, grade die höchsten Leistungen. Daher schlafe Homer bisweilen, und man affektire einige Nachlässigkeiten, sei es im Genie, sei es in der Tapferkeit, – jedoch nie in der Klugheit, – um das Mißwollen zu besänftigen, daß es nicht berste vor Gift. Man werfe gleichsam dem Stier des Neides den Mantel zu, die Unsterblichkeit zu retten.

Baltasar Gracián y Morales: Handorakel Nr. 83 (Übersetzung: Schopenhauer)

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 26.09.2020 um 14:48 Uhr (Zitieren)
Fast is too slow.

(Bandenwerbung von adidas am 3.9.2020 beim Spiel Deutschland vs. Spanien in der Nations League)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 26.09.2020 um 14:50 Uhr (Zitieren)
Über eine Schule mit Inklusion:
Was für die Kinder das Normalste von der Welt ist, bringen sie zu Hause ihren Familien bei: Die blinde Freundin ist nicht „anders“, sie kann nur nicht sehen.

(Frankfurter Allgemeine vom 14. September 2020)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 26.09.2020 um 15:02 Uhr (Zitieren)
"A lttle bit too much is not enough for me." Inschrift in einer Altstadt-Bar in Turin
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
mitleser schrieb am 03.10.2020 um 15:49 Uhr (Zitieren)
Die einen wissen, wie es in der DDR war, und die anderen haben in ihr gelebt.

Klaus D. Koch Heute ist der 30. Jahrestag der deutschen Einheit.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 10.10.2020 um 13:31 Uhr (Zitieren)
Bist du auch ehrlich?
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Y schrieb am 10.10.2020 um 20:15 Uhr (Zitieren)
Heute ist der 30. Jahrestag der deutschen Einheit

Wow, was der alles weiß!
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Andreas schrieb am 11.10.2020 um 10:07 Uhr (Zitieren)
Thema: DDR

"Die einen wissen, wie es in der DDR war, und die anderen haben in ihr gelebt."

Klaus D. Koch
Heute ist der 30. Jahrestag der deutschen Einheit.

(so wörtlich bei Facebook zu lesen)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 12.10.2020 um 16:03 Uhr (Zitieren)
The Flat Earth Society has members all around the globe.

(Quelle: https://twitter.com/daily_hegel/status/988097805813239808, aufgerufen am 12. 10.2020)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 14.10.2020 um 13:54 Uhr (Zitieren)
[Der Junker Western:] „Fehlt dem Mädchen [seiner Tochter] irgend etwas?“ - „Ich glaube wohl“, erwiderte sie [seine Schwester], „und etwas von nicht geringer Tragweite.“ – „Was? Sie klagt doch über nichts! Und die Blattern hat sie ja gehabt.“ – „Mein Bruder“, bemerkte sie, „junge Mädchen sind, außer den Blattern, noch andern und mitunter viel schlimmeren Krankheiten ausgesetzt.“ Hier fiel ihr Herr Western sehr ernsthaft ins Wort und bat sie, wenn seiner Tochter irgend etwas fehle, so möge sie ihm das augenblicklich sagen; er setzte hinzu, sie wisse doch, daß er seine Tochter mehr liebe als seine eigene Seele und daß er bis ans Ende der Welt nach dem besten Arzt für sie schicken wolle. „Nein, nein!“ antwortete das Fräulein lächelnd, „ganz so schrecklich ist die Krankheit doch wohl nicht; aber ich glaube, lieber Bruder, Sie sind überzeugt, ich kenne die Welt; und ich versichere Ihnen, nichts würde mich so enttäuschen, wie wenn meine Nichte nicht rasend verliebt wäre.“ – „Wie, was?“ rief Western ganz erbost, „verliebt, verliebt, ohne mir etwas zu sagen! Ich enterbe sie; ich jag sie aus dem Haus, wie sie ist, ohne einen Heller. Hab ich das von meiner Liebe und Güte, daß sie sich verliebt, ohne mich um meine Erlaubnis zu bitten?“ – „Aber Sie werden doch“, erwiderte Fräulein Western, „Ihr Fräulein Tochter, das Sie mehr lieben als Ihre eigene Seele, nicht auf die Straße setzen, bevor Sie wissen, ob Sie ihre Wahl billigen können? Dann würden Sie darüber doch nicht ärgerlich sein, hoffe ich.“ – „Nein, nein!“ rief Western, „so wär’s was anderes. Nimmt sie den Mann, den ich für sie haben möchte, so mag sie lieben, wen sie will, ich kümmere mich nicht darum!“ – „Das heiße ich vernünftig gesprochen“, sagte die Schwester.

(Henry Fielding, Tom Jones. München 1965, S. 236)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 14.10.2020 um 14:00 Uhr (Zitieren)
Wer Sport treibt, lebt länger, verschwendet aber mehr Lebenszeit für Sport.

Wenn der Sinn des Lebens für einen Menschen im X-en be-steht, dann kann er bei längerer Lebenszeit mehr x-en. Treibt er aber, um länger zu leben, mehr Sport, dann kann er weniger x-en.

Ein Mensch steht morgens auf und möchte am liebsten gleich x-en.
„Aber nein“, entgegnet seine Frau, „du mußt erst noch Sport treiben!“
„Ah“, seufzt er, „warum soll ich so viel Sport treiben?“
„Damit du gesund bleibst und länger lebst“, belehrt ihn seine Frau.
„Und wozu ist es gut, länger zu leben?“ beharrt er.
„Dann kannst du mehr x-en, und das liebst du doch!“
So behält sie recht. Oder etwa nicht?

Selig der, für den Sport und X-en dasselbe sind!

All diese Gedanken sind mir beim X-en gekommen, nicht beim Sport.

(Wolfgang Weimer)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 14.10.2020 um 14:36 Uhr (Zitieren)
In Venedig gibt es für den Venezianer nichts zu sehen.

Herman Melville: Die Reisetagebücher. Eintrag Sonntag, 5. April 1857. Achilla Presse Verlagsbuchhandlung, 2001, S. 262
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Λητώ schrieb am 14.10.2020 um 15:32 Uhr (Zitieren)
All diese Gedanken sind mir beim X-en gekommen, nicht beim Sport.


Vielleicht hatte die Frau des Autors auch die sich durch Sport verbessernde qualitative Seite des X-ens im Sinn. :)

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 20.10.2020 um 15:27 Uhr (Zitieren)
Torricellis Trompete:
Dabei handelt es sich nicht um ein echtes Musikinstrument, sondern um handfeste Mathematik. Torricelli untersuchte damals eine rotierende Hyperbel: Angenommen, man dreht die durch die Funktion y = 1/x – für x größer gleich 1 – gebildete Kurve um die x-Achse. Welches Volumen hat der entstehende Körper dann?
[...]
Das Ergebnis ist [...] eine endliche Zahl. Überraschenderweise ist die Oberfläche des Rotationskörpers dagegen unendlich groß. Das Resultat Torricellis erscheint paradox: Die Form, die er entdeckt hatte, gleicht einer lang gestreckten Trompete, deren Ende bis ins Unendliche reicht und dabei immer dünner wird. Obwohl das Objekt unendlich lang ist und eine unendlich große Oberfläche hat, ist das Volumen endlich.

Daraus ergibt sich das "Painter's Paradox":
Das „Painter’s Paradox“ verdeutlicht den vermeintlichen Widerspruch: Um die unendlich große Innenfläche der Trompete zu bemalen, bräuchte man ja wohl unendlich viel Farbe. Andererseits kann man das endliche Volumen des Körpers mit einer endlichen Menge Farbe füllen – womit gleichzeitig die Innenfläche komplett gefärbt sein sollte.

(Spektrum der Wissenschaft 11.20, S. 43)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 20.10.2020 um 15:31 Uhr (Zitieren)
Die Lösung erscheint witzig: Man kann die Trompete mit einer endlichen Menge "mathematischer Farbe" bemalen, die unendlich dünn wird.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 21.10.2020 um 14:31 Uhr (Zitieren)
[...] es mag indessen ein Paradoxon oder sogar ein Widerspruch scheinen, aber es ist gewiß, daß große Menschenliebe zuvörderst uns die Menschen meiden und verachten läßt; das nicht so sehr wegen ihrer privaten und selbstsüchtigen Laster als wegen der Laster von allgemeiner Art, wie Neid, Bosheit, Verräterei, Grausamkeit und jede andere Form des Übelwollens. Das sind die Laster, die der wahre Menschenfreund verabscheut; und ehe er sie sehen und sich mit ihnen abfinden will, meidet er lieber die Gesellschaft selbst.

(Henry Fielding: Tom Jones. München 1965, S. 407 f.)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 22.10.2020 um 18:33 Uhr (Zitieren)
Ich hatte echt keine Wahl! Er oder ich.

(American Gangster, Regie: Ridley Scott 2007)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
στρουθίον οἰκιακόν schrieb am 22.10.2020 um 20:10 Uhr (Zitieren)
Das ist niedlich!
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 25.10.2020 um 18:08 Uhr (Zitieren)
Φησὶν σιωπῶν.

(In Griechisch und auch lateinischer Entsprechung verbreitetes Sprichwort)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 04.11.2020 um 23:23 Uhr (Zitieren)
„Sagst du eigentlich jemals die Wahrheit?“
„Die Wahrheit? Nein.“

[i](Der große Eisenbahnraub (1978), Edward Pierce/Sean Connery)[7i]
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 04.11.2020 um 23:23 Uhr (Zitieren)
„Sagst du eigentlich jemals die Wahrheit?“
„Die Wahrheit? Nein.“

(Der große Eisenbahnraub (1978), Edward Pierce/Sean Connery)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 06.11.2020 um 18:29 Uhr (Zitieren)
Er und sie beim Eheberater:
Er: "Ständig fällt sie mir ins ..."
Sie: "Ist ja überhaupt nicht wahr!"

(gemäß einer Zeichnung von Uli Stein)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 23.11.2020 um 00:06 Uhr (Zitieren)
Dieser Spieler geht hinter dir in die Drehtür und kommt vor dir wieder raus.

(Der ehemalige Fußballtrainer Max Merkel)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 23.11.2020 um 00:08 Uhr (Zitieren)
Der fremde Sohn

(Titel eines Films unter der Regie von Clint Eastwood, 2008)

Dazu hat Eastwood sogar die Musik geschrieben.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 02.12.2020 um 13:52 Uhr (Zitieren)

Die Bahnhofsuhr schlug Mitternacht. Die Klage in der Ferne brach mit einemmal ab, als würde sie sich nach der Uhrzeit richten. »Ein neuer Tag hat begonnen«, sagte der Mann, »in diesem Augenblick hat ein neuer Tag begon-
Ich schwieg, seine Behauptungen ließen keinen Platz für Zwischenbemerkungen. Es vergingen ein paar Minuten, und mir schien, als ob die Lichter auf dem Bahnsteig schwächer geworden wären. Der Atem meines Reisegefährten ging nun stockend und langsam, als ob er schliefe. Ich schreckte beinahe hoch, als er wieder zu sprechen begann. »Ich fahre nach Varanasi«, sagte er, »und Sie?«
»Nach Madras«, sagte ich.
»Madras«, wiederholte er, »ja, ja.«
»Ich möchte den Ort sehen, an dem der Apostel Thomas angeblich den Märtyrertod starb, die Portugiesen errichteten dort im sechzehnten Jahrhundert eine Kirche, ich weiß nicht, was davon übriggeblieben ist. Und dann muß ich nach Goa, ich muß eine alte Bibliothek aufsuchen, deshalb bin ich nach Indien gekommen.« »Ist es eine Pilgerreise?« fragte er.
Ich verneinte. Dann sagte ich, vielleicht doch, aber nicht im religiösen Sinn des Wortes. Allenfalls war es eine private Pilgerreise, wie sollte ich sagen, ich suchte bloß
Spuren.
»Sie sind wohl Katholik«, sagte mein Reisegefährte.
»Alle Europäer sind gewissermaßen Katholiken«,
sagte ich, »oder zumindest Christen, es ist praktisch dasselbe.«

Der Mann wiederholte das Adverb, das ich verwendet hatte, als ob er es kostete. Er sprach ein sehr elegantes Englisch, mit kleinen Pausen und etwas zögernden, in die Länge gezogenen Konjunktionen, wie es auf manchen Universitäten üblich war, stellte ich fest. »Practically, actually«, sagte er. »Was für seltsame Wörter, ich habe sie in England oft gehört, ihr Europäer verwendet oft diese Wörter.« Er machte eine längere Pause, aber ich verstand, daß er noch nicht zu Ende gesprochen hatte. »Es ist mir nie gelungen festzustellen, ob aus Pessimismus oder Optimismus«, fuhr er fort, »was meinen Sie?«
Ich bat ihn, sich genauer auszudrücken.
»Ach«, sagte er, »es ist schwierig, sich genauer auszudrücken. Nun, manchmal frage ich mich, ob dieses Wort Hochmut zum Ausdruck bringt oder nur Zynismus. Und vielleicht auch große Angst. Verstehen Sie mich?«
»Ich weiß nicht«, sagte ich, »es ist nicht ganz leicht. Aber das Wort praktisch bedeutet praktisch nichts.«
Mein Reisegefährte lachte. Es war das erste Mal, daß er lachte. »Sie sind sehr gewitzt«, sagte er, »Sie haben mich widerlegt, und gleichzeitig haben Sie mir recht gegeben, praktisch.«
Auch ich lachte, und dann sagte ich schnell: »In meinem Fall ist es praktisch Angst.«
Wir schwiegen eine Weile, mein Gefährte bat mich um die Erlaubnis zu rauchen. Er kramte in einer Tasche, die neben seinem Bett stand, und im Zimmer verbreitete sich der Geruch jener kleinen, aromatischen indischen Zigaretten, die aus einem einzigen Tabakblatt bestehen.
»Ich habe einmal das Evangelium gelesen«, sagte er, »das ist ein sehr seltsames Buch.«
»Nur seltsam?«
Er zögerte »Auch sehr hochmütig«, sagte er dann, »aber das meine ich nicht böse.«
»Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht recht folgen«, sagte ich.
»Ich meinte Christus«, sagte er.
Die Bahnhofsuhr schlug halb eins. Ich spürte, daß ich langsam schläfrig wurde. Von dem Park hinter den Gleisen hörte man das Krächzen der Krähen. »Varanasi ist Benares«, sagte ich, »das ist eine heilige Stadt, machen auch Sie eine Pilgerfahrt?«
Mein Gefährte drückte die Zigarette aus und hustete leicht. »Ich fahre dorthin, um zu sterben«, sagte er, »ich habe nur noch wenige Tage zu leben.« Er schob sich das Kissen unter dem Kopf zurecht. »Aber vielleicht sollten jetzt schlafen«, fuhr er fort, »wir haben nicht mehr viel Zeit, mein Zug geht um fünf Uhr.«
»Meiner kurz danach«, sagte ich.
»Haben Sie keine Angst«, sagte er, »der Bahnhofsdiener wird Sie rechtzeitig aufwecken. Ich nehme an, wir werden keine Gelegenheit mehr haben, uns in der Gestalt wiederzusehen, in der wir uns kennengelernt haben, in unseren gegenwärtigen Koffern, Ich wünsche Ihnen eine gute Reise.«
»Auch Ihnen eine gute Reise«, antwortete ich.

Antonio Tabucchi: Indisches Nachtstück. C.Hanser 1990, S.39ff.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 02.12.2020 um 14:48 Uhr (Zitieren)
Wenn ich es recht sehe, kommt es hier auf das "Das Wort praktisch bedeutet praktisch nichts" an.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 02.12.2020 um 14:51 Uhr (Zitieren)
Die Paradoxie als Lüge: Der SS-Brigadeführer Franz Walter Stahlecker, Leiter der Einsatzgruppe A des SD, schrieb im Oktober 1941 über die Judenpogrome in Lettland:
[...] Nicht minder wesentlich war es, für die spätere Zeit die feststehende und beweisbare Tatsache zu schaffen, daß die befreite Bevölkerung aus sich selbst heraus zu den härtesten Maßnahmen gegen den bolschewistischen und jüdischen Gegner gegriffen hat, ohne daß eine Anweisung deutscher Stellen erkennbar ist.
[...]
Ebenso wurden schon in den ersten Stunden nach dem Einmarsch, wenn auch unter erheblichen Schwierigkeiten, einheimische antisemitische Kräfte zu Pogromen gegen die Juden veranlaßt. Befehlsgemäß war die Sicherheitspolizei ent-schlossen, die Judenfrage mit allen Mitteln und aller Entschiedenheit zu lösen. Es war aber nicht unerwünscht, wenn sie zumindest nicht sofort bei den doch ungewöhnlich harten Maßnahmen, die auch in deutschen Kreisen Aufsehen erregen mußten, in Erscheinung trat. Es mußte nach außen gezeigt werden, daß die einheimische Bevölkerung selbst als natürliche Reaktion gegen jahrzehntelange Unterdrückung durch die Juden und gegen den Terror durch die Kommunisten in der vorangegangenen Zeit die ersten Maßnahmen von sich aus getroffen hat.

(E. F. Zielke / H. Rothweiler, Sittengeschichte des Zweiten Weltkrieges. Hanau o.J., 2. Aufl., S. 516 f.)

Eine gelenkte und doch beweisbare Spontaneität!
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 02.12.2020 um 22:01 Uhr (Zitieren)
Zitat von Γραικύλος am 2.12.20, 14:48Wenn ich es recht sehe, kommt es hier auf das "Das Wort praktisch bedeutet praktisch nichts" an.


Technically yes, practically ... könnte man z.B. einige Überlegungen anstellen, was diese paradoxe Nichtigkeit für die Verwendung in der Offenbarung, der Gebrauch sei im Fall des Erzählers praktisch ein Ausdruck der Angst, bedeutet an diesem Kreuzungspunkt einer intellektuellen Pilgerfahrt (die sich als Spurensuche nach einem anderen, der vielleicht ich ist, entpuppt, wie sich im gesamten Text immer wieder andeutet) mit einer Reise in den Tod, die auf paradoxe Weise von Routinen und Höflichkeiten eingehegt wird.

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 03.12.2020 um 14:57 Uhr (Zitieren)
Was er wirklich wolle, fragt Jean Seberg in „Außer Atem“ den von Godard bewunderten Regisseur Jean-Pierre Melville. „Unsterblich werden – und dann sterben“, antwortet der.

(Quelle: Frankfurter Allgemeine vom 3. Dezember 2020: Der Zauberlehrling des Kinos)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 03.12.2020 um 15:00 Uhr (Zitieren)
Vor aller Zeit

Erst gab es keine Zeit, dann ist etwas passiert, und seitdem gibt es Zeit.

(begegnet einem häufiger, vor allem in religiösen Kontexten)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Mitleser schrieb am 03.12.2020 um 16:52 Uhr (Zitieren)
Dieses Seitdem lässt sich ermitteln.
Aktueller Stand 13,82 Milliarden Jahre.
Mit dem Urknall beginnt das, was wir ZEIT nennen.
Über das DAVOR darf man spekulieren und tut es
auch, ebenso über die Vorgänge in einem schwarzen Loch,
bei dem die Gesetze der Physik zusammenbrechen.
Singularitäten sind mathematisch nicht mehr
beschreibbar.
Ab Sekunde 10hochminus44 ist alles erklärt,
was "davor" war, entzieht sich (noch?) der methodischen
Beschreibbarkeit.
Eine Schätzung besagt, dass die Wahrscheinlichkeit,
dass es zum Big Bang
kommen konnte, bei etwa 1zu 10hoch500 liegt.
Mathematisch ist das so gut wie Null,
physikalisch bzw. realiter aber eben nicht
exakt Null.
Das biblische FIAT LUX ist gar nicht so weit
weg von der modernen Kosmologie, wenn auch
stark interpretationsbedürftig.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 04.12.2020 um 18:13 Uhr (Zitieren)
Mit dem Urknall begannen Raum und Zeit, so heißt es. Das macht die Frage, was davor war, allerdings obsolet, und zwar semantisch, nicht nur physikalisch.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 27.12.2020 um 17:19 Uhr (Zitieren)
1568 wurde die spanische Christin Elvira del Campo von der Inquisition verhaftet und verhört. Sie war denunziert worden, kein Schweinefleisch zu essen und samstags, d.h. am Sabbat, ihre Unterwäsche zu wechseln, also eine heimliche Jüdin zu sein. Wie üblich wurde sie mit dem Vorwurf der Anklage nicht offen konfrontiert, erst recht nicht mit den Zeugen, so daß die Frau, unter Folter aufgefordert, „die Wahrheit“ zu sagen, gar nicht wußte, was sie gestehen sollte.
„Señores“, schrie sie, „ich habe alles getan, was Sie sagen, und ich gebe falsches Zeugnis gegen mich selbst.“

(Peter de Rosa: Gottes erste Diener. Die dunkle Seite des Papsttums. München 1989, S. 210)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 27.12.2020 um 17:22 Uhr (Zitieren)
Selbst bei der Zensur gab es Spaßiges. Zuerst vollbrachte [Papst] Paul IV. [Petrus Carafa, zuvor Generalinquisitor] die Heldentat, sich selbst auf den Index zu setzen [1555]. Es ist eine merkwürdige Geschichte.

Ein paar Jahre zuvor hatte Paul III. ein halbes Dutzend Kardinäle ernannt, die unter Carafas Führung alle zu durchleuchten hatten, die in Glauben und Moral von der Orthodoxie abwichen. „Die Schuldigen und die Verdächtigen“, sagte Paul, „sind zu verhaften und vor Gericht zu stellen bis zum endgültigen Urteil (Tod).“ Carafa hatte den Befehl buchstabengetreu ausgeführt. Der Papst wurde nicht belästigt, obwohl er ein hervorragender Kandidat für Nachforschungen war – mit seiner Mätresse, seinen unehelichen Kindern, seinen Geschenken von roten Hüten an seinen Enkel und seine Neffen, die vierzehn und sechzehn Jahre zählten.

Im abschließenden Consilium oder Ratschlag an Papst Paul gab es tatsächlich offene Kritik am päpstlichen Absolutismus, Simonie, Mißbräuchen in der Verleihung von Bischofsämtern an unwürdige Kandidaten und vielem mehr. Unglücklicherweise für den Vatikan wurde dies Dokument bekannt. Die Protestanten lasen es mit Entzücken, weil es alles bestätigte, was sie je über das Papsttum gesagt hatten.

Als Carafa Papst wurde, hatte er keine Wahl, als das Consilium, das er geschrieben hatte, auf den Index zu setzen.

(Peter de Rosa: Gottes erste Diener. Die dunkle Seite des Papsttums. München 1989, S. 214 f.)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 27.12.2020 um 20:09 Uhr (Zitieren)
"... befehle ich Ihnen, dass Sie ...meine Befehle nicht beachten".
Friedrich II.vor der Schlacht bei Mollwitz, aus der er übrigens türmte.

Nähere Umstände hier:

https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Mollwitz

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 28.12.2020 um 01:03 Uhr (Zitieren)
Als ein Ungeheuer [Papst Johannes XII.] aus dem Weg war, wählten die Römer Benedikt V. als Ersatz. [Kaiser] Otto [I.] war überlistet und wütend. „Niemand kann ohne Zustimmung des Kaisers Papst sein“, erklärte er. „So ist es immer gewesen.“ Seine Wahl war Leo VIII. [4. Dezember 963]

Im sechzehnten Jahrhundert behauptete Kardinal Baronius in seinen Kirchlichen Annalen, die Acton als „größte je geschriebene Kirchengeschichte“ bezeichnet hat, Benedikt sei der wahre Papst gewesen und Leo der Gegenpapst. Dies ist schwer zu widerlegen. Doch Benedikt fiel reuig zu Ottos Füßen und erklärte sich selbst zum Schwindler. Um dies zu beweisen, legte er seine Regalien ab und bekannte auf den Knien vor Leo, er sei der rechtmäßige Nachfolger Petri.

Es ist nicht klar, ob die Behauptung eines echten Papstes, er sei nicht echt, eine Übung in Unfehlbarkeit ist – doch es muß eine Botschaft an die ganze Kirche über Glauben und Moral darin liegen.

(Peter de Rosa: Gottes erste Diener. Die dunkle Seite des Papsttums. München 1989, S. 67)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 29.12.2020 um 14:57 Uhr (Zitieren)
Da staunte Galilei. Als nämlich Papst Urban VIII. zu ihm sagte:
Du magst unwiderlegbare Beweise für die Bewegung der Erde haben. Das beweist nicht, daß die Erde sich wirklich bewegt.

(Peter de Rosa: Gottes erste Diener. Die dunkle Seite des Papsttums. München 1989, S. 281)

Credo quia absurdum.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 05.01.2021 um 17:29 Uhr (Zitieren)
Papst Innozenz IV. (1243 – 1254) versuchte, seinen Neffen als Prätendenten für die Nachfolge des Bischofs Grosseteste von Lincoln zu etablieren. Grosseteste empfand das als unschicklich und schrieb dem Papst:
Als gehorsamer Sohn bin ich ungehorsam, ich widerspreche, ich rebelliere. Ihr könnt nicht gegen mich vorgehen, denn all meine Worte und Taten sind nicht wirklich rebellisch, sondern die kindliche Achtung, die man nach Gottes Gebot seinem Vater und seiner Mutter schuldet.

(Peter de Rosa: Gottes erste Diener. Die dunkle Seite des Papsttums. München 1989, S. 508)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 05.01.2021 um 17:31 Uhr (Zitieren)
Im Februar 1535 wurde der Gemeindepriester von Almodovar zahlreicher sexueller Vergehen angeklagt, darunter des Besuchs von Bordellen und der Anstiftung in der Beichte. Er hatte einer jungen Frau die Absolution verweigert, bis sie sich bereit fand, mit ihm zu schlafen. Er bekam eine kleine Geldstrafe und dreißig Tage Hausarrest.

(Peter de Rosa, Gottes erste Diener. Die dunkle Seite des Papsttums. München 1989, S. 521)

Das heißt: Ich spreche dich nicht von deinen Sünden frei, bis du zu einer Sünde bereit bist.


Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 06.01.2021 um 17:54 Uhr (Zitieren)
Das Paradox ist nur allzu offensichtlich: Der Konservatismus kann ebenso eine Quelle des Fortschritts sein, wie die Faulheit die Mutter der Effizienz ist.

(Michel Houellebecq: Ein bisschen schlechter. Neue Interventionen - Essays. Köln 2020, S. 9)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 18.01.2021 um 15:01 Uhr (Zitieren)
Das Konzept der Unendlichkeit hat schon immer zu Schwierigkeiten geführt: Philosophen und Theologen zerbrechen sich seit Jahrhunderten den Kopf darüber – ganz zu schweigen von Mathematikern, denen es erst im 19. Jahrhundert gelang, mit den unvorstellbaren Größen zu arbeiten. Tatsächlich stießen sie dabei schon früh auf verschiedene Arten von Unendlichkeiten, doch lange wussten sie nicht, wie man diese beschreiben oder miteinander vergleichen sollte. [Text fährt fort mit dem mathematischen Konzept der Unendlichkeit.]

(Das fehlende Puzzleteil; in: Spektrum der Wissenschaft 2.21, S. 14)

Man könnte es die Paradoxie der Floskel nennen - "ganz zu schweigen" davon, daß hier ein Mathematiker über Logik schreibt!
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Aristoteles schrieb am 18.01.2021 um 16:56 Uhr (Zitieren)
Ein schönes Beispiel für den Versuch, Unendlichkeit ein wenig
anschaulich zu machen, ist Hilberts Hotel.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hilberts_Hotel

Ob man da wirklich von sinnvoller Veranschaulichung sprechen kann, darf
bezweifelt werden. Unser Gehirn ist für solche Vorstellungen nicht geschaffen.
Dass etwas unendlich sein kann, also kein Ende hat, widerstrebt unserer Intuition,
wohl auch deswegen, weil unser Begriff von Wirklichkeit letztlich sehr begrenzt ist.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 18.01.2021 um 18:02 Uhr (Zitieren)
"Hilberts Hotel" kenne ich; aber die Paradoxie, die ich hier angesprochen habe, hat nichts mit dem Begriff der Unendlichkeit zu tun, sondern mit der Phrase "ganz zu schweigen von" als Einleitung einer längeren Abhandlung.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Aristoteles schrieb am 18.01.2021 um 18:13 Uhr (Zitieren)
sondern mit der Phrase "ganz zu schweigen von"

Es handelt sich hier um das Stilmittel der Praeteritio.
Daher würde ich eher von einer untypischen Paradoxie sprechen.

Mein Beitrag war nur als Zusatzinfo gedacht.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 19.01.2021 um 12:30 Uhr (Zitieren)
A: Ach, ich werde nicht verstanden.
B: Unsinn, du bist nicht unverstanden.
A: Verstehst du nicht, dass ich Verständnis erwarte für mein Gefühl, unverstanden zu sein?
B blickt A verständnislos an, A lächelt zufrieden.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 19.01.2021 um 14:20 Uhr (Zitieren)
Sehr schön. Zur Quellenfrage (ich möchte ein Buch über Paradoxien schreiben): Das stammt von Dir?
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 19.01.2021 um 20:07 Uhr (Zitieren)
Ja, das stammt von mir.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 20.01.2021 um 01:50 Uhr (Zitieren)
»Es gab keine Intrige«, sagte William, »und ich habe sie aus Versehen aufgedeckt.«

Umberto Eco: Der Name der Rose
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 20.01.2021 um 15:18 Uhr (Zitieren)
Von der Struktur her (Bestätigung dessen, was zugleich verneint wird) ist das so wie "Du hast keine Chance. Nutze sie."

***

Die Jesuiten sind die einzigen Atheisten, die an Gott glauben.

(Guillermo Arriaga: Der Wilde. Stuttgart 2018, S. 223)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 31.01.2021 um 12:21 Uhr (Zitieren)
Kriton : Sokrates, du hier? Freude und Schrecken. Schloss ich dir nicht die Augen?
Was gehst du so merkwürdig im Kreis, steif der Gang, die Züge fahl, verschattet dein Blick? Was ist dir geschehen? Wo kommst du her?

Sokrates : Kriton, Freund, nicht aus Phthia, so viel ist gewiss. Mehr aber nicht. Wie im Traum wandle ich ohne zu träumen. Es ist … ich weiß nicht, ob tot ich bin oder lebe.

Kriton: Kein Geist scheinst du mir, vielmehr unter den Lebenden zu weilen, als kreuzte das Schiff aus Delos noch auf dem Meer. Aber sprich: Wie gelangst du zu dieser merkwürdigen Ansicht?

Sokrates: Die man als tot bezeichnet, habe ich mehr gesehen als mir lieb ist, aus fernster Ferne und nächster Nähe. Nun sage mir aber, Kriton, muss man nicht, um zu wissen, ob man eines von zweien ist, beides kennen. Muss, wer hungrig sich fühlt, nicht auch Sattheit erfahren haben, um sagen zu können, was ihm sein Magen gerade bestellt?

Kriton: So ist es wohl, auch geht mir das Herz auf, o Sokrates, dass du mit ernsten Fragen dein altes Spiel treibst.

Sokrates: Da du mir dies einräumst, Kriton, gibst du weiter auch zu, dass, kann ich nicht wissen, wie es ist, tot zu sein, es mir verwehrt bleibt zu vergleichen, ich also nicht ausschließen kann, schon tot zu sein? Auch könnte es solche geben, die wir als tot bezeichnen, obwohl sie es nicht sind, und umgekehrt welche, die wir unter die Lebenden rechnen, obwohl sie bereits tot sind.

Kriton: Nun, wenn du behauptest, du könntest nicht wissen, wie es sei, tot zu sein, musst du da nicht, für den Augenblick wenigstens, annehmen, dass du es nicht bist, andernfalls du ja wüsstest, wie es wäre, tot zu sein? So hätte der Zweifel darüber, ob du tot oder lebendig bist als Voraussetzung zunächst die Gewissheit, nicht tot zu sein.

Sokrates: Das gebe ich gerne zu, auch, dass du viel gelernt hast von mir, mein Kriton. Was aber wäre, stürbe ich - sonst aber merkte es keiner, ich wäre nicht, wie die, die wir Tote nennen - und stellte fest, dass es für mich keinen Unterschied machte, ob man lebt oder tot ist?

Kriton: Wie aber merktest du, dass du gestorben wärst, wenn du keinen Unterschied zu erkennen vermagst?

Sokrates : Ich sehe, du hast mich begriffen, Kriton.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 31.01.2021 um 16:35 Uhr (Zitieren)
Eine gelungene Übertragung der diskutierten Frage auf einen sokratischen Dialog.

Dein Argument erinnert mich auf eine vage Weise an Gedanken von Hilary Putnam u.a., daß weder alle Bilder eine Fälschung noch wir alle bloß Gehirne in einem Tank (übrigens auch dies eine SF-Idee von Philip K. Dick) sein können.

Dies
Wie aber merktest du, dass du gestorben wärst, wenn du keinen Unterschied zu erkennen vermagst?

leuchtet mir auch völlig ein.

Aber dies
Nun, wenn du behauptest, du könntest nicht wissen, wie es sei, tot zu sein, musst du da nicht, für den Augenblick wenigstens, annehmen, dass du es nicht bist, andernfalls du ja wüsstest, wie es wäre, tot zu sein? So hätte der Zweifel darüber, ob du tot oder lebendig bist als Voraussetzung zunächst die Gewissheit, nicht tot zu sein.

immer noch nicht, so sehr ich auch darüber nachgedacht habe.

Wir unterscheiden zwei mögliche Zustände: Leben und Totsein. Oder: Träumen und Wachsein. Kriterien zu ihrer Unterscheidung gibt es, z.B. den Vorgang des Sterbens [wie bei X und Y beobachtet] bzw. das Erlebnis des Aufwachens.
Dennoch weiß ich nicht, in welchem von beiden Zuständen ich mich befinde, weil ich (a) mich an den Vorgang meines Sterbens nicht erinnere [diese Erinnerung gehört nicht zum oben genannten Kriterium] und (b) nicht weiß, ob mir das Erlebnis des Aufwachens nicht in naher Zukunft bevorsteht.

Irgendein spezielles Wissen darüber, wie es ist, tot zu sein, ist weder für die Unterscheidung noch für meinen Zweifel Voraussetzung.

Nun ahne ich Deinen Einwand: Aber im Falle (b), also des Träumens und Aufwachens, ist doch klar ersichtlich, daß ich beides kennen muß, um zweifeln zu können, in welchem der beiden Zustände ich mich befinde.

Ja, aber das liegt an dem eingeführten Kriterium (s.o.), bei dem ich das (subjektive) Erlebnis des Aufwachens verwendet habe.
Nicht so beim Tod: Ich habe meine Eltern sterben sehen und weiß, wie die Ärzte den Tod festgestellt haben. Das habe ich als Kriterium benutzt. Was ich nicht weiß: wie sich das aus der Sicht meiner Eltern angefühlt hat bzw. heute anfühlt: tot zu sein. Also hat das Kriterium in diesem Falle keine subjektive Komponente.
Deshalb kann ich heute lediglich ausschließen, irgendeine Erinnerung daran zu haben, daß ein Arzt mich für tot erklärt hat. Vielleicht haben auch meine Eltern das nicht, obgleich sie für tot erklärt worden sind.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 01.02.2021 um 14:58 Uhr (Zitieren)
Mein Einwand hat eine zunächst simple analytische Dimension, die, denke ich, noch immer den mit Schleiermachers Version von Platons Sokrates als Revenant (oder auch nicht) spielenden Eintrag im Paradoxiethread rechtfertigt.

Ich erwidere also zunächst, dass die in der vorgestellten Argumentation gebrauchte Behauptung "Ich kann nicht wissen, wie es ist, x zu sein" impliziert, dass man zum Zeitpunkt der Äußerung x nicht ist und auch noch nie war, andernfalls sie keinen (oder schon paradoxen) Sinn ergibt. Das gilt für x = eine Katze, ein Kindersoldat in Angola, unter dem Einfluss von LSD, pansexuell, glücklich ... und offenbar auch tot, woraus sich, da tot in gewöhnlichem Verständnis in binärer Opposition zu lebendig steht (tot = ist nicht lebendig/nicht tot = lebendig), ergibt, dass der Sprecher das Reich des Todes noch nie betreten hat, also lebt. Das Modalverb steigert diesen Aspekt zusätzlich von der Faktizität (Ich weiß es nicht) zu einer grundsätzlichen Unmöglichkeit (Ich kann es nicht wissen, weiß es also auch nicht, und werde es vermutlich nie wissen).

Dieses Nichtwissenkönnen eines Subjekts über einen bestimmten Zustand unter solchen Voraussetzungen (das ich im anderen Thread dessen kognitive Impermeabilität genannt habe) wird im Argument aber im nächsten Schritt in, wie ich eben meine, paradoxer Weise so verwertet, dass besagte Implikation in ihrer Geltung aufgehoben wird, da die Folgerung zur Unentscheidbarkeit führt, pointiert verknappt: Ich kann nicht wissen, wie es ist, tot zu sein, bin es daher vielleicht oder auch nicht. Darin stecken natürlich unzählig weitere Probleme, ich sehe aber nicht, wie man in dieser Argumentation den Widerspruch so einfach abschütteln könnte.

Man müsste im Ausgang von "Irgendein spezielles Wissen darüber, wie es ist, tot zu sein, ist weder für die Unterscheidung noch für meinen Zweifel Voraussetzung" vielmehr erst einmal herausfinden, was denn die nicht-speziellen, vielmehr allerallgemeinsten Bedingungen (und nicht nur die des Wissens) für eine solchen Überlegung und die Unterscheidung darstellen, die sich nicht verwerfen lassen, ohne die Bedeutung der semantischen Impermeabilität und ihre Folgerungen zu destabilisieren.




Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 06.02.2021 um 18:36 Uhr (Zitieren)
Der Traum des Zhuang Zi

Einst träumte (meng - 夢) Zhuang Zhou (d. i. Zhuangzi), daß er ein Schmetterling wurde (wei -為), der beschwingt umherflatterte. Er hatte Freude an sich und folgte allen seinen Regungen (wtl: „er paßte zu seinen Regungen“; shi²zhi² - 適志).

Dabei wußte er nicht (buzhi - 不知), daß er Zhuang Zhou war. Plötzlich wurde er wach (jue -覺); da war er Zhuang Zhou – ganz eindeutig nur dieser. Nun weiß man nicht (buzhi - 不知), ob es Zhuang Zhou war, der geträumt hat, er sei ein Schmetterling geworden, oder ob es ein Schmetterling war, der geträumt hat, er sei Zhuang geworden. Es gibt aber gewiß zwischen Zhuang Zhou und einem Schmetterling einen Unterschied. Dies ist damit gemeint, wenn gesagt wird: „Die Wesen unterliegen dem Wandel (wuhua - 物化)“.

Ist Zhuangzi der Träumer oder ist er der Traum des Schmetterkings? Das kann Zhuangzi nie mit Sicherheit wissen.


Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 07.02.2021 um 12:56 Uhr (Zitieren)
Was ihm sicher ist, dem Wutz, das ist sein Tod. Es ist einer gestorben, das ist der Beleg dafür, daß er gelebt hat.

Peter Bichsel im Nachwort zu Jean Pauls Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz, insel taschenbuch 778, S. 80



Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Sana schrieb am 07.02.2021 um 15:05 Uhr (Zitieren)
Zitat von Marcella am 6.2.21, 18:36Der Traum des Zhuang Zi

Einst träumte (meng - 夢) Zhuang Zhou (d. i. Zhuangzi), daß er ein Schmetterling wurde (wei -為), der beschwingt umherflatterte. Er hatte Freude an sich und folgte allen seinen Regungen (wtl: „er paßte zu seinen Regungen“; shi²zhi² - 適志).

Dabei wußte er nicht (buzhi - 不知), daß er Zhuang Zhou war. Plötzlich wurde er wach (jue -覺); da war er Zhuang Zhou – ganz eindeutig nur dieser. Nun weiß man nicht (buzhi - 不知), ob es Zhuang Zhou war, der geträumt hat, er sei ein Schmetterling geworden, oder ob es ein Schmetterling war, der geträumt hat, er sei Zhuang geworden. Es gibt aber gewiß zwischen Zhuang Zhou und einem Schmetterling einen Unterschied. Dies ist damit gemeint, wenn gesagt wird: „Die Wesen unterliegen dem Wandel (wuhua - 物化)“.

Ist Zhuangzi der Träumer oder ist er der Traum des Schmetterkings? Das kann Zhuangzi nie mit Sicherheit wissen.

Das ist super, dass hier jemand Chinesisch kann. Ich frage mich, wofür in 則蘧蘧然周也 das doppelte qu² (蘧) steht?
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 07.02.2021 um 17:34 Uhr (Zitieren)
Da muss ich leider passen, Chinesisch kann ich nicht.
Ich habe nur auf der Suche nach dem Text des "Schmetterlingstraums" dieses gefunden, garniert mit chinesischem O-Text für den Kenner. Mir sind die Zeichen Deko.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 07.02.2021 um 23:03 Uhr (Zitieren)
Beim "Schmetterlingstraum" habe ich den Eindruck, daß es sich da nicht um eine Paradoxie handelt, sondern um eine systematische Unsicherheit mangels Kriterium, um Traum von Wirklichkeit zu unterscheiden.

filix ist da vermutlich anderer Ansicht, weil es sich um einen analogen Fall zur Ungewißheit handelt, ob man schon tot ist.

***

Ein vergleichbarer Text:
[...] Jemand, der träumt, bei einer heiteren Tafelrunde Wein zu trinken, mag am nächsten Morgen schluchzend erwachen. Jemand, der träumt, er weine, mag am nächsten Morgen zur fröhlichen Jagd aufbrechen. Solange wir uns mitten in einem Traum befinden, wissen wir nicht, daß es ein Traum ist. Manchmal können wir sogar versuchen, noch träumend un-seren Traum zu deuten, und dann wachen wir auf und erkennen, daß es ein Traum war. Nur nach dem großen Erwachen erkennen wir, daß alles ein großer Traum war, während der Narr vermeint, wach zu sein und sich anmaßt, klar zu sehen. ‚Mein hochverehrter Fürst‘ – ‚O du demütiger Hirte!‘ ... wie verdreht wir doch sind! [...]

(Victor H. Mair (Hrsg.), Zhuangzi. Das klassische Buch daoistischer Weisheit. Frankfurt/Main 1998, S. 84)

***

Ganz ohne Zweifel paradox ist der folgende Text, weil er sich selbst aufhebt:
Erkenntnis wanderte im Norden an den Ufern des dunklen Wassers und bestieg den Berg des steilen Geheimnisses. Da begegnete sie von ungefähr dem schweigenden Nichtstun.
Erkenntnis redete das schweigende Nichtstun an und sprach: „Ich möchte eine Frage an dich richten. Was muß man sinnen, was denken, um den SINN zu erkennen? Was muß man tun und was lassen, um im SINN zu ruhen? Welche Straße muß man wandern, um den SINN zu erlangen?“
Dreimal fragte sie, und das schweigende Nichtstun antwortete nicht. Nicht daß es absichtlich die Antwort verweigert hätte; es wußte nicht zu antworten. So konnte Erkenntnis nicht weiter fragen und kehrte um. Da kam sie im Süden an das weiße Wasser und bestieg den Berg der Zweifelsendung. Da erblickte sie Willkür. Erkenntnis stellte dieselben Fragen an Willkür.
Willkür sprach: „Oh, ich weiß es; ich will es dir sagen.“
Aber während sie eben reden wollte, hatte sie vergessen, was sie reden wollte, und Erkenntnis konnte nicht weiter fragen. Da kehrte sie zurück zum Schloß des Herrn, trat vor den Herrn der gelben Erde und fragte ihn.
Der Herr der gelben Erde sprach: „Nichts sinnen, nichts denken: so erkennst du den SINN; nichts tun und nichts lassen: so ruhst du im SINN; keine Straße wandern: so erlangst du den SINN.“
Erkenntnis fragte den Herrn der gelben Erde und sprach: „Wir beide wissen es, jene beiden wußten es nicht. Wer hat nun recht?“
Der Herr der gelben Erde sprach: „Schweigendes Nichtstun hat wirklich recht; Willkür kommt ihm nahe; wir beide erreichen es ewig nicht ...“
Erkenntnis fragte den Herrn der gelben Erde: „Wieso erreichen wir es nicht?“
Der Herr der gelben Erde sprach: „Das schweigende Nichtstun ist wirklich im Recht, deshalb, weil es kein Erkennen hat; Willkür kommt ihm nahe, weil sie Vergessen hat; wir beide erreichen es ewig nicht, weil wir Erkennen haben.“
Willkür hörte es und meinte vom Herrn der gelben Erde, daß er zu reden verstehe ...

(Dschuang Dsi, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Hrsg. von Richard Wilhelm. Düsseldorf/Köln 1969, S. 226 f.)

(Der wird wohl im Parallelthread schonmal vorgekommen sein.)

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 08.02.2021 um 11:57 Uhr (Zitieren)
Im Traum des Zhuang Zi, so wie er oben in dt. Übersetzung steht, stellt sich die paradoxe Struktur m.E. zunächst nicht so unvermittelt her, da im Grunde nur Behauptungen eines externen Beobachters oder, genauer gesagt, eines auktorialen Erzählers (Nullfokalisierung nach Genette) dargeboten werden, nicht aber das Subjekt im Text selbst die kognitive Impermeabilität bezüglich seiner selbst in der Ich-Form feststellt. Der erkenntnistheoretische Status eines solchen allwissenden oder wenigstens mit dem vom Leser gewöhnlich akzeptierten Anspruch, ungehindert die Innenschau der Figuren schildern zu können, auftretenden Erzählers, verknüpft sich allerdings mit dem Peritext (in diesem Fall mit der Verfasserangabe), der nahelegt, dass Erzähler und von ihm behandelte Figur ein- und derselbe sind. Aus dieser Konstellation kann man eine Menge Paradoxien generieren.

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 08.02.2021 um 13:37 Uhr (Zitieren)
So gesehen führt uns Zhuang Zi in ein Spiegelkabinett der "Realitäten"
Das macht perplex mindestens wie Sokrates.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 08.02.2021 um 13:41 Uhr (Zitieren)
Der Buddhismus kam erst lange nach meister Zhuangzi nach China, fand aber offenbar die Lehre von Illusion des Seins, der Maya, bestens vorbereitet.

[Domain de.wikipedia.org/wiki/Zhuangzi durchsuchen] https://de.wikipedia.org/wiki/Zhuangzi
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 08.02.2021 um 13:43 Uhr (Zitieren)
meister > Meister; Lehre von der Illusion
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 08.02.2021 um 22:53 Uhr (Zitieren)
Eine Rangerin aus Namibia berichtet über das Problem der Elefanten, bei zunehmender Trockenheit noch genügend Wasserstellen zu finden, und das Problem der Gartenbesitzer, bei denen die Elefanten auf der Suche nach Wasser eindringen. Nun baut man spezielle Wasserbecken für Elefanten. Die Feststellung der Rangerin:
Das minimiert das Problem maximal.

(Weltspiegel in der ARD am 7.2.2021)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 09.02.2021 um 14:02 Uhr (Zitieren)
Ich gehe nochmals auf das "Ich weiß nicht, wie es ist, tot zu sein" ein:

Es gibt eine Reihe von Sätzen, die man nicht aussprechen kann, ohne sich selbst zu widersprechen:
• Ich existiere nicht.
• Ich bin bewußtlos.
• Ich kann kein Wort Deutsch.
• Ich zweifle an allem.
Die Frage ist, ob „Ich bin tot“ dazugehört. Das ist abhängig davon, ob man über eine Definition und ein Kriterium dafür verfügt, was Totsein bedeutet. Bei Bewußtsein bzw. Bewußtlosigkeit z.B. ist das der Fall, da hat man ein Kriterium.

Wenn man nun Totsein so versteht wie Epikur, dann ist „Ich bin tot“ in der Tat paradox. Seine Vorstellung der Nichtexistenz und Bewußtlosigkeit wird aber vielfach bestritten (von denen, die an ein Leben nach dem Tod glauben) und kann deshalb nicht ohne weiteres der Beurteilung zugrunde gelegt werden. Deshalb sage ich, daß ich nicht weiß, was es bedeutet, tot zu sein. Und dann ist der Satz „Ich bin tot“ ebensowenig paradox wie „Ich weiß nicht, ob ich tot bin“.

filix will wohl darauf hinaus, daß der letztere Satz ähnlich zu beurteilen ist wie „Ich weiß nicht, ob ich eine Erkältung habe“: Wenn man nicht weiß, ob man eine Erkältung hat, dann hat man keine. Das liegt aber nur daran, daß Erkältetsein mit der Empfindung, erkältet zu sein, verbunden ist. Hingegen „Wenn man nicht weiß, ob man einen Herzinfarkt (gehabt) hat, dann hat man keinen (gehabt)“ ist falsch. We-gen der Möglichkeit des stillen, nicht von einer Empfindung begleiteten Herzinfarkts kann man nicht ausschließen, einen (gehabt) zu haben.

Und wegen der Möglichkeit (!), daß nach dem Tod eine Art von Leben folgt, dessen Eigenschaften wir nicht kennen, ist es nicht paradox zu sagen: „Ich weiß nicht, ob ich schon gestorben und in diesem Sinne tot bin.“ Daß ich keine Erinnerung daran habe, gestorben zu sein, ist kein Einwand, denn es muß nicht so sein, daß das Leben nach dem Tod mit einer solchen Erinnerung verbunden ist.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 09.02.2021 um 23:23 Uhr (Zitieren)
Ich sehe nicht ein, warum man den Zustand, tot zu sein, nach Art einer unentdeckten Krankheit (eine literarisch gewiss reizvolle Idee) betrachten sollte, die erstens nicht die Existenzweise des sprechenden Subjekts in toto angreift (denn das gehört doch zu beiden Seiten der Differenz tot/lebendig wohl dazu), zweitens, um in einem Satz vom Typ "Ich weiß nicht, ob ich einen (stillen) Herzinfarkt hatte" Sinn zu ergeben, für spezielle Vorstellungsinhalte und Entscheidungskriterien offen sein muss, also nicht vollständig kognitiv impermeabel ist. Kurzum, der Verführung zum nachfolgenden Analogieschluss nachzugeben, sehe ich mangels eines Arguments für diesen Zwischenschritt vorerst keinen Anlass.

Eine Krankheit, für die es keinerlei innerlichen oder äußerlichen Anzeichen welcher Art immer, keine Untersuchungsmethoden und Diagnosekriterien usf. gibt, verwandelt sich schnell in ein ähnlich paradoxes Unding wie der von allen speziellen Inhalten gereinigte und allen Kriterien für seinen Eintritt begrifflich entzogene Tod, der nur noch eine wissens- und erfahrungsmäßig unerreichbare Seite einer in binärer Oppostion angelegten Differenz markiert (tot ist nicht lebendig, lebendig ist nicht tot).

Was sollte der sonst noch sein, weisen wir alle psychischen und physischen Empfindungen, alles sozial vermittelte Wissen, die stumme Einrede der Leichen, die Versicherungen der Nächsten und Umstehenden wie der Ärzte, Priester und Verwalter, die auf Unterscheidung beharren, zurück? Ist er begrifflich nicht mehr, impliziert, dabei bleibe ich, "Ich weiß nicht, wie es ist, tot zu sein", dass ich es nicht bin. Oder die Rede wird überhaupt sinnlos. Deshalb schrieb ich weiter oben, man müsse erst einmal die allerallgemeinsten Voraussetzung einer solchen Epoché widerstehenden Definition von tot/lebendig analysieren.


"Und wegen der Möglichkeit (!), daß nach dem Tod eine Art von Leben folgt, dessen Eigenschaften wir nicht kennen, ist es nicht paradox zu sagen: „Ich weiß nicht, ob ich schon gestorben und in diesem Sinne tot bin.“

Was möglich ist, ist gewöhnlich nicht wirklich, soll hier aber offenbar heißen: möglicherweise schon eingetreten, also wirklich, jedoch unentdeckt. Ich bin folglich womöglich schon tot, weiß es nur noch nicht. Die in diesem Lichte eigenartige Rede von "nach dem Tod" markiert dann bloß eine Wissensdifferenz. Wäre der Tod sozusagen eine Art stiller Herzinfarkt der Existenz, müsste, um die Analogie zu bemühen, es Kriterien geben, herauszufinden, dass er sich in der Vergangenheit ereignet hat. Der Sinn einer solchen Rede liegt darin, das Ereignis vom Wissen zu trennen. Das Wissen schafft nicht das Ereignis, man hat also nicht einen stillen Herzinfarkt dadurch erlitten, dass man um ihn weiß. Entsprechendes gilt für das womöglich schon eingetretene Leben nach dem Tod, es müsste also Kriterien geben, um herauszufinden, dass es schon eingetreten ist, die aber als unverfügbar behauptet werden. Sind sie es, weil man noch nicht gestorben ist, so entsteht in der Argumentation die Paradoxie, dass weil man noch nicht tot ist, nicht wissen kann, ob man es schon ist. Wird hingegen eine prinzipielle Unmöglichkeit angesetzt, durch irgendeine eine vom Wissen unterschiedene Existenztransformation in den Besitz solcher Kriterien zu gelangen, stellt sich die Frage, wie man das argumentieren sollen, ohne in allerlei Paradoxien zu geraten? Wie soll in solchen Verhältnissen ein Nichtwissenkönnen um den Eintritt eines fundamentalen Existenzustandes anders begründet werden als unter der Implikation seines Nichteintritts?



Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 09.02.2021 um 23:26 Uhr (Zitieren)
argumentieren sollen kann

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 10.02.2021 um 01:47 Uhr (Zitieren)
Hier kann man, Stichwort Cotard-Syndrom, nachlesen, welche zersetzende Kraft entfaltet, was hier als unterhaltsame Spekulation auftritt, wird es empfunden und zur Überzeugung:

tinyurl.com/2su3umy6






Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 10.02.2021 um 16:32 Uhr (Zitieren)
Der Hinweis auf das Cotard-Syndrom ist interessant. Er erinnert mich an folgendes Erlebnis: Mit einer Schülergruppe habe ich eine psychiatrische Klinik besucht, wo uns der Chefarzt Informationen zu verschiedenen Geisteskrankheiten gegeben hat. „Das Auffallende an einer Psychose“, so sagte er unter anderem, „besteht darin, daß die Betroffenen vollkommen sicher sind, in der Wirklichkeit zu leben, und wir, die anderen, seien die mit der verzerrten Wahrnehmung.“

Dazu kam von mir spontan die Frage: „Wie können wir, die wir genau diese Überzeugung haben, dann sicher sein, nicht psychotisch zu sein?“

Ob dem Chefarzt diese Frage schonmal gekommen war, weiß ich nicht; er wirkte jedenfalls nicht allzu überrascht und meinte: „Wenn Sie daran zweifeln, ob Sie psychotisch sind, dann sind Sie es nicht. Denn für den Psychotiker ist gerade die vollkommene Sicherheit typisch.“

Nun, das ist ein empirisches, kein logisches Kriterium; und doch erinnert es mich an Deinen Standpunkt: Wenn ich daran zweifle, ob ich tot bin, dann kann ich es nicht sein.
Das Argument des Arztes habe ich verstanden; das ist ein Kriterium, und es hat weitreichende Folgen.

Ich weiß immer noch nicht, ob Du das Werk Philip K. Dicks kennst, dessen Lebensthema das war. Unter Umständen schreibe ich jetzt also etwas, das Dir schon bekannt ist.

PKD hat eines Tages am Himmel ein großes, metallenes, böses Gesicht gesehen, und diese Wahrnehmung blieb ihm für mehrere Tage. (Diese Erfahrung hat er zu seinem Roman „The Three Stigmata of Palmer Eldritch“ verarbeitet.) Später hat er zweimal ein Gotteserlebnis gehabt – ein Wesen, das er VALIS (Vast Active Living Intelligent System) nannte (Grundlage seiner VALIS-Trilogie). Auffallenderweise hat er immer, lebenslang, daran gezweifelt, ob er etwas Wirkliches erlebt hatte oder einer Wahnvorstellung erlegen war. Im VALIS-Fall hat das zu ca. 10000 Seiten Reflexionen (nur in Auszügen veröffentlicht) geführt, in denen er Pro und Contra abgewogen hat, aber nie unreflektiert davon ausgegangen ist, daß es Wirklichkeit war. (Ich frage mich, ob Moses und Mohammed ähnlich skrupulös mit ihren Erfahrungen umgegangen sind.)

Nach dem eben erwähnten Kriterium kann PKD nicht psychotisch gewesen sein – und es ist auch nie eine Psychose bei ihm diagnostiziert worden. Neurosen schon, in Menge, aber keine Psychose. Daß PKD immer wieder seinen eigenen Vorstellungen, auch den entsetzlichsten, eine (galgen-)humorige Seite abgewinnen konnte, spricht im Sinne des Chefarztes ebenfalls gegen eine Psychose. („Daß ich an Verfolgungswahn leide, heißt noch lange nicht, daß sie nicht hinter mit her sind.“) Psychotiker sind humorfrei, was ihre Grundüberzeugungen angeht.

Post mortem ist bei PKD eine Schläfenlappen-Epilepsie vermutet worden; aber auch dies ist nicht das Resultat irgendeiner medizinischen Diagnose zu Lebzeiten.

Der als „Bladerunner“ verfilmte PKD-Roman basiert auf der Frage, ob die verschiedenen Akteure Menschen oder Androiden sind – wobei wir Leser bzw. Zuschauer im Laufe der Handlung immer unsicherer werden, wer was ist und ob wir nicht am Ende selbst Androiden sind. Zur Unterscheidung gibt es den sog. Voigt-Kampff-Test, der die Frage angeblich beantworten soll; in einer Schlüsselszene wird der Androiden-jäger, der sich mit großer Selbstverständlichkeit für einen lupenreinen Menschen hält, zu seiner Verblüffung gefragt: „Haben Sie eigentlich den Voigt-Kampff-Test schonmal mit sich selber machen lassen?“

Und dann in dem Roman UBIK das Problem eines Menschen, der sich für lebendig hält, im Laufe der Zeit jedoch herausfindet, daß er in Wahrheit tot ist. Die Kriterien dafür werden im Verlauf der Handlung nach und nach durch seltsame Ereignisse entwickelt, die nicht in die ursprüngliche Annahme passen.

In diesen Zusammenhang gehört auch die Aussage (ich weiß nicht mehr, bei wem ich sie gelesen habe), daß Alan Turing den Turing-Test vor allem deshalb entwickelt habe, weil er selbst den Verdacht gehabt habe, ein Computer-Programm zu sein.

In allen diesen Fällen geht es für uns primär um eine unterhaltsame Spekulation – für Dich vielleicht noch mehr als für mich, der ich durch diese Möglichkeiten schon existentiell etwas beunruhigt bin. Und es geht, intellektuell gesehen, um mögliche Kriterien, durch die wir den Unterschied feststellen können. Ich wäre beruhigter, wenn ich sie klarer erkennen könnte ... oder wenn wir uns auf welche einigen könnten.

Wie gesagt, die Äußerung des Chefarztes erschien und erscheint mir zumindest klar verständlich: Wer zweifelt, ist weder wahnsinnig noch gar tot. Das ist zunächst beruhigend. Aber ob es zutrifft? Gerne hätte ich das Gespräch mit dem Arzt fortgesetzt, wenn er denn die Zeit dazu gehabt hätte: Was ist, wenn jemand ein riesiges Gesicht am Himmel sieht (sieht!), aber daran zweifelt, ob das wirklich oder ob er wahnsinnig geworden ist?

Das ist mir noch nicht passiert. Ebenso hatte ich noch nicht ernsthaft das Gefühl, tot zu sein. Falls ich aber eines Morgens am Badezimmerspiegel links unten einen kleinen Klebezettel sehen sollte, auf dem „UBIK“ steht, dann ahne ich, daß es jetzt losgeht. Mit dem Wahnsinn oder mit dem Totsein.

Die Erlebnisse in meinem Leben, für die ich keinerlei Erklärung habe und die sich nicht recht in die naturgesetzlich geregelte Weltordnung fügen wollen, sind zum Glück bisher episodischer Natur und zu selten, als daß ich ernsthaft in Betracht ziehen müßte, daß mit meinen Annahmen über mich und die Welt etwas grundlegend nicht stimmt.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 10.02.2021 um 16:44 Uhr (Zitieren)
Bekannt dürfte sein die Verfilmung einer PKD-Kurzgeschichte: "Total Recall".
Darin weiß der Protagonist nicht (und wissen wir nicht), ob er ein Bauerarbeiter auf der Erde ist, der sich für einen Mars-Agenten hält, oder ein Mars-Agent, der sich für einen Bauarbeiter auf der Erde hält.

Klingt wie die SF-Version des Schmetterlingstraums.
PKD kannte sich gut genug in asiatischem Denken aus, um ihm hier ein Anleihe zuzutrauen. "The Man in the High Castle" (kürzlich von Amazon verfilmt) hat er nach dem I Ging geschrieben. Da taucht die 'wirkliche' Vergangenheit (daß Deutschland und Japan den Zweiten Weltkrieg verloren haben) als fiktive Version innerhalb einer Fiktion (daß Deutschland und Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben) auf.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
filix schrieb am 10.02.2021 um 21:40 Uhr (Zitieren)
Mit PDK habe ich mich nur wenig befasst, die kursorische Lektüre hat mich nie so gefesselt, dass das Bedürfnis sich eingestellt hätte, sie zu vertiefen. Die Sache mit dem Turing-Test ist natürlich wunderbar - se non è vero, è molto ben trovato - und eine Nährlösung für allerlei Überlegungen zu Paradoxien im Zusammenhang mit solchen Verfahren.

Ich denke, die tiefere Ursache, warum wir uns nicht einig sind, hängt mit einer Bedeutungsdimension von Sätzen des Typ „Ich existiere“, „Ich lebe“ usf. zusammen, die gewissermaßen über aller vorgetragenen Argumentation schwebt.

Zu sein, zu leben ist eben auch eine Art unhintergehbares Grundgefühl, das diskursiv nicht herzustellen oder einzuholen, jedoch Voraussetzung aller Kriteriologie ist, gerät das Subjekt in eine Krise, die es daran zweifeln lässt, ob es lebt oder tot ist.

Diese Krise wird hier, mit unterschiedlichem Beunruhigungspotenzial, spielerisch evoziert, bricht beim Cotard-Syndrom und Verwandtem aber offenbar vor aller Überlegung unf Argumentation, deren Verständnis es mitbedingt, aus.

Metaphorisch gesprochen spielen wir auf hoher See aus Abenteuerlust ein bisschen mit der Steuerung, um die Orientierung zu verlieren und vom Kurs abzukommen, während im Ernstfall ein Brand im Maschinenraum das Schiff auf eine äußerst unangenehme, unkontrollierbare Reise durch die Meere des Wahnsinns schickt.

Ich vermute, dass dir aus angedeuteten existenziellen Motiven mehr daran gelegen ist, diese resistente Krise des Grundgefühls, die im Satz „Ich kann nicht wissen, ob ich tot bin oder lebe“ sich abzeichnet, als solche einzuholen und sichtbar zu machen, wogegen ich mich mehr mit der Methode ihrer vermittelnden Herstellung durch Argumentation, in der ich besagte Widersprüche orte, befasse. Dass diese sich als argumentativ defekt oder paradox erweist, ändert natürlich nichts daran, dass die Krise des Grundgefühls virulent bleibt, von diesem Zweifel kann man so nicht abgebracht werden. So gesehen reden wir wahrscheinlich aneinander vorbei.

Man könnte jedenfalls den fiktiven sokratischen Dialog mit all diesen Aspekten spielend erweitern, einschließlich des Auftritts eines antiken Psychiaters avant la lettre.

Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 17.02.2021 um 15:43 Uhr (Zitieren)
In der Abenddämmerung kam ein Mann ins Dorf und sagte, er sei der Prophet. Die Bauern aber glaubten ihm nicht. „Beweise es!“, forderten sie. Der Mann zeigte auf die gegenüberliegende Festungsmauer und fragte: „Wenn diese Mauer spricht [...], glaubt ihr mir dann ?“ „Bei Gott, dann glauben wir dir“, riefen sie. Der Mann wandte sich der Mauer zu, streckte die Hand aus und befahl: „Sprich, o Mauer!“ Da begann die Mauer zu sprechen: „Dieser Mann ist kein Prophet. Er täuscht euch. Er ist ein Lügner.“

(Zülfü Livaneli: Der Eunuch von Konstantinopel)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 17.02.2021 um 20:45 Uhr (Zitieren)
Wow!

Ist das ein Paradoxon? Das wahre Wort ist nicht schön, das schöne Wort ist nicht wahr. Lao Dse
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 18.02.2021 um 12:46 Uhr (Zitieren)
(Gedicht 81 in der üblichen Zählung)
Das ist m.E. nur dann paradox, wenn der Verfasser behauptet, seine Worte seien nicht nur wahr (was wir ihm unterstellen dürfen), sondern auch schön.

Eindeutiger liegt der Fall in Gedicht 56:
Wer weiß, redet nicht.
Wer redet, weiß nicht.

Das ist einer der (redenden) Texte, wie sie auch im Zhuangzi vorkommen: die sich nämlich selbst dementieren.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 19.02.2021 um 16:03 Uhr (Zitieren)
Man sagt: Wer behauptet, nichts wissen zu können, widerspricht sich selbst; denn er beansprucht, das zu wissen, was er behauptet, nämlich nichts wissen zu können; und aus diesem Widerspruch folgt, daß er etwas weiß.

Diese Schlußweise ist nicht stichhaltig. Es widerspricht sich allerdings, wenn jemand zu wissen behauptet, daß er nichts weiß; aber aus diesem Widerspruch folgt keineswegs, daß er etwas weiß, sondern es folgt nur, daß er das, was er zu wissen vorgibt, nämlich nichts zu wissen, nicht weiß.

Der Widerspruch liegt nicht in der skeptischen Annahme, daß wir nichts wissen, sondern erst in der anderen Annahme, daß wir dieses wissen können. Nicht das Urteil A: „Ich weiß nichts“, sondern das Urteil B: „Ich weiß, daß ich nichts weiß“ schließt einen logischen Widerspruch ein; es folgt daher auch nur die Falschheit des Urteils B und nicht die des Urteils A. Die erkenntnistheoretische Widerlegung des Skeptizismus beruht also nur auf einer Verwechslung dieser beiden Urteile.

(Leonard Nelson: Die Unmöglichkeit der Erkenntnistheorie. Vortrag vom 11. April 1911; in: Leonard Nelson, Vom Selbstvertrauen der Vernunft. Schriften zur kritischen Philosophie und ihrer Ethik. Hrsg. v. Grete Henry-Hermann. Hamburg 1975, S. 55 f.)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 20.02.2021 um 16:34 Uhr (Zitieren)
[...] Wir glauben mit unserm Verstand von einer Menge von Dingen, daß wir sie nicht glauben, aber unser Organismus glaubt noch an sie; und er ist allemal der Stärkere.

(Egon Friedell; zitiert nach: Kultur ist Reichtum an Problemen. Extrakt eines Lebens gezogen und vorgesetzt von Heribert Illig. Zürich 1989, S. 20)
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Mitleser schrieb am 21.02.2021 um 11:16 Uhr (Zitieren)
aber unser Organismus glaubt noch an sie

Was soll damit gemeint sein?
Wie glaubt ein Organismus?
Beispiel?
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 21.02.2021 um 23:56 Uhr (Zitieren)
Den Gedanken, daß der Leib "glaube" und darin stärker sei als der Geist, hat Friedell vermutlich von Nietzsche übernommen.

Im Volksmund läßt man sich vom Herzen oder vom Bauchgefühl leiten, und nach heutigem Verständnis sind es die im Darm oder noch tiefer gebildeten Hormone, die uns steuern. Zumindest was Männer angeht, hat der Volksmund auch dafür eine Bezeichnung.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Marcella schrieb am 22.02.2021 um 11:31 Uhr (Zitieren)
Also nicht nur Bauchhirn-und -intelligenz, sondern auch Bauchglauben.
Das würde ja so manches erklären. Damit könnte eine Flatulenz religiöse Wirkungskraft gewinnen.
Re: Paradoxien, nicht nur aus der Antike #2
Γραικύλος schrieb am 25.02.2021 um 16:47 Uhr (Zitieren)
Warum will alle Welt immerzu Erfolg haben? Ich möchte mal jemand kennenlernen, der scheitern will. Nur im Scheitern ist Erhabenheit.

(John Dos Passos: Manhattan Transfer. Reinbek ²2016, S. 231)
 
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