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Altgriechisch Wörterbuch - Forum
Ein Trostbrief für Cicero #2 (132 Aufrufe)
Γραικύλος schrieb am 29.01.2026 um 16:44 Uhr (Zitieren)
Epistulae ad famliares IV 5:
Aber es ist doch schlimm, ein Kind hingeben zu müssen! Gewiß, schlimm; falls es nicht schlimmer ist, die jetzigen Zustände ertragen zu müssen. Laß mich Dir vor Augen führen, was mir nicht unwesentlichen Trost gewährt hat; vielleicht, daß es auch Deinen Schmerz zu lindern vermag!

Aus Asia zurückkehrend, befand ich mich auf der Fahrt von Ägina nach Megara. Da betrachtete ich rings die Landschaft. Hinter mir lag Ägina, vor mir Megara, zur Rechten Piräus, zur Linken Korinth, lauter Städte, die einst in hoher Blüte gestanden haben, und die wir jetzt zerstört am Boden liegen sehen. Da kam mir der Gedanke: „Sonderbar! Wir Menschlein [homunculi] regen uns auf, wenn eins unsrer Lieben, deren Leben doch nur verhältnismäßig kurz sein kann, stirbt oder fällt, und hier liegen dicht beieinander die Trümmer so vieler Städte! Willst Du Dich nicht fassen, Servius, und daran denken, daß Du als Mensch geboren bist [visne tu te, Servi, cohibere et meminisse hominem te esse natum]?“ – Glaub‘ mir, in diesem Gedanken habe ich nicht wenig Trost gefunden.

Halte Dir doch bitte ebenfalls folgendes vor Augen: Kürzlich erst ist gleichzeitig eine lange Reihe von hochangesehenen Männern ums Leben gekommen, die Herrschaft des Römischen Volkes stark geschmälert worden, alle Provinzen sind schwer erschüttert, und da bist Du so fassungslos, daß Du das zarte Leben eines schwachen Weibes verloren hast? Wäre sie jetzt nicht heimgegangen [quae si hoc tempore non diem suum obisset], in wenigen Jahren hätte sie doch sterben müssen, denn sie war als Mensch geboren. Mach‘ auch Du Dich von diesen trüben Gedanken frei und sage Dir lieber, wie es Deiner Persönlichkeit würdig ist, daß sie gelebt hat, solange es Zweck für sie hatte, daß ihr Leben mit dem unseres Staates verbunden war, daß sie Dich, ihren Vater, als Prätor, Konsul und Augur gesehen hat, mit jungen Männern aus den ersten Kreisen verheiratet gewesen ist, alles Schöne beinahe bis zur Neige ausgekostet hast und aus dem Leben geschieden ist, als der Staat zum Sterben kam [cum res publica occideret, vita excessisse]. Wie könntet ihr also, Du oder sie, deshalb mit dem Schicksal hadern?

(Cicero: An seine Freunde/Epistulae ad familiares. Hrsg. v. Helmut Kasten. München 1964, S. 190-197)
Re: Ein Trostbrief für Cicero #2
Quoth schrieb am 29.01.2026 um 23:03 Uhr (Zitieren)
"Aller Trost ist trübe" (Rilke), dieser besonders. Das massenhafte Elend anderer (die man nicht kennt) kann über den Verlust eines zudem noch erwachsenen Kindes nicht hinwegtrösten. Tullia soll bereits eine wichtige Gesprächspartnerin ihres Vaters gewesen sein.
Re: Ein Trostbrief für Cicero #2
Persephone schrieb am 29.01.2026 um 23:20 Uhr (Zitieren)
Trübe ist mir ein bisschen zu nachsichtig für den Versuch, durch sexistische Entwertung ihres Lebens, das fortzusetzen keinen weiteren Sinn und Zweck hatte, weil sie ja schon das Maximum dessen erreicht hatte, was einem schwachen Weib genügen muss: den Vater erfolgreich gesehen und gute Partien gemacht zu haben. Für die Männer gilt dagegen: nemo enim est tam senex, qui se annum non putet posse vivere.


Re: Ein Trostbrief für Cicero #2
Persephone schrieb am 29.01.2026 um 23:21 Uhr (Zitieren)
*durch sexistische Entwertung ihres Lebens zu trösten

Re: Ein Trostbrief für Cicero #2
Γραικύλος schrieb am 29.01.2026 um 23:30 Uhr (Zitieren)
Ja, so stellte sich ein römischer Mann das höchste Glück einer Frau vor.

Nicht nur, daß Tullia darüber anders gedacht haben mag (leider spricht sie nicht zu uns), auch Cicero mag eine andere Empfindung gehabt haben.

Möglicherweise tut Servius Sulpicius Rufus aber auch etwas nicht ganz Unkluges - nach dem Motto "Gut ist, was hilft": Er appelliert in den Punkten an Cicero, in denen er glaubt, ihn erreichen zu können.
Nicht nur der Tröstende, auch der zu Tröstende waren eben römische Männer aus der Senatsaristokratie.
Re: Ein Trostbrief für Cicero #2
Γραικύλος schrieb am 29.01.2026 um 23:37 Uhr (Zitieren)
Kurz gesagt: Dieser Trost soll nicht bei Tullia wirken, sondern bei Cicero.

Dies würde auch ich von einem Freund erhoffen - also keine moralische Kritik an den traurigen Verhältnissen, für die das nicht der rechte Zeitpunkt ist.

Wärt Ihr ein Russe und hätte einen Freund, dessen Sohn in der Ukraine gefallen ist, dann wäre das keine gute Gelegenheit, diesen russischen Krieg zu kritisieren, nein, da müßte wohl - seufz! - von seinem heldenhaften Einsatz für Rußland die Rede sein. Alles andere ist kein Trost.
Re: Ein Trostbrief für Cicero #2
Persephone schrieb am 30.01.2026 um 00:19 Uhr (Zitieren)
Kurz gesagt: Dieser Trost soll nicht bei Tullia wirken, sondern bei Cicero.


Der Schlusssatz maßt sich allerdings an für sie zu sprechen: Wie könntet ihr also, Du oder sie, deshalb mit dem Schicksal hadern? Natürlich richtet sich das nicht an die Tote, aber Cicero soll Trost finden in der Vorstellung, dass die Tochter das auch so gesehen hätte. Es genügt also offensichtlich nicht, dass die Männer allein das so sehen, sie brauchen auch noch die Illusion, dass die Tote darüber dächte wie sie. Merkwürdig, oder?
Re: Ein Trostbrief für Cicero #2
Γραικύλος schrieb am 30.01.2026 um 00:37 Uhr (Zitieren)
Natürlich tut er das, die Tochter zu vereinnahmen durch die Behauptung, daß auch sie das so gesehen hätte.
In gewissem Sinne ist das gewiß anmaßend; aber für den Autor ist es wohl entscheidend, daß dies ein wirksamer Trost für seinen Freund ist.

Eine "pia fraus", könnte man sagen.

Die Frage ist, ob ich z.B. einen christlichen Freund, dessen Tochter gestorben ist, mit meinen atheistischen Vorstellungen vom Tod "trösten" würde: Sie ist nicht im Himmel, sie ist halt weg ...
Sowas tut man doch nicht, oder?

Wie oft wird in Trostreden, etwa am Grabe, gelogen? Ist das denn der Ort für die schonungslose Wahrheit?
Re: Ein Trostbrief für Cicero #2
Persephone schrieb am 30.01.2026 um 00:53 Uhr (Zitieren)
Das ist immerhin ein Brief und der imitiert im Tonfall ein freundschaftliches Gespräch unter vier Augen, keine Leichenfeier, kein offenes Grab, kein Scheiterhaufen, keine taxierenden Blicke anderer, also gäbe es doch etwas Spielraum jenseits der Konvention. Um das jenseitige Schicksal der Tochter geht's im Grunde auch gar nicht, dazu sagt er eigentlich nichts. Und natürlich gibt es auch andere Möglichkeiten: den Trauernden erzählen lassen von seinem Schmerz, seinem Verlust, zulassen, zuhören und, wenn er das will, vom eigenen Umgang mit diesen Gefühlen aus eigener Erfahrung ohne Belehrung berichten. Ausdruck statt Unterdrückung.

Das mag senatsaristokratischen Männlichkeitsidealen widersprechen, aber dass das eine der Antike völlig unbekannte Möglichkeit gewesen sein sollte, nehme ich nicht ohne Weiteres an.
Re: Ein Trostbrief für Cicero #2
Γραικύλος schrieb am 30.01.2026 um 01:09 Uhr (Zitieren)
Und natürlich gibt es auch andere Möglichkeiten: den Trauernden erzählen lassen von seinem Schmerz, seinem Verlust, zulassen, zuhören und, wenn er das will, vom eigenen Umgang mit diesen Gefühlen aus eigener Erfahrung ohne Belehrung berichten.

Ja. Aber der Autor befindet sich halt nicht vor Ort, sondern in Griechenland. Es geht nicht um ein mündliches Gespräch.

Welche Art von Trostschriften es sonst noch gab, das müßte man mal schauen. Wie tröstet z.B. Seneca?
Die "Antigone" des Sophokles ist ein Drama über Trauer. Tröstet jemand dort die Antigone?

Interessant ist vielleicht in diesem Zusammenhang - wie ein Mann um seine Frau trauert - die sog. Laudatio Turiae, die wir hier schonmal als Fünfteiler hatten:

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=11310

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=11313

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=11314

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=11316

https://www.albertmartin.de/altgriechisch/forum/?view=11317
Re: Ein Trostbrief für Cicero #2
Persephone schrieb am 30.01.2026 um 01:24 Uhr (Zitieren)
Der Brief erreicht nicht die Intimität und Unmittelbarkeit des persönlichen Gesprächs, aber ist es deswegen unmöglich, nicht gleich zu dozieren, zu ermahnen und Gefühle mehr oder minder wegzuargumentieren? Sein Ohr schriftlich anzubieten, vorzufühlen, mit der Antwort weiterzuarbeiten? Wie du sehe ich darin eine äußerst schwierige Aufgabe, denn wir haben überhaupt keine alltagsliterarische Schule für solche Situationen. Ich säße wahrschnl. auch lange vor einem weißen Blatt oder dem leeren Display und wählte dann eine Nummer.
 
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